Lillys Abenteuer im Elfenland 1 – Ferien in Irland


Kapitel 1: Die Lavensteins

Schwerfällig schleppte sich eine alte Frau die schattige Lindenallee entlang und blieb vor einer der Villen stehen, um Luft zu schöpfen. Es war mitten im Juni und kein einziger Windhauch erfrischte die vor Hitze flimmernde Luft. Die Oma wischte sich die Schweißperlen von der Stirn. Mit jedem neuen Jahr schienen ihre Einkaufstaschen schwerer und die Sommer heißer und unerträglicher zu werden.
Sie blickte hoch zur weißen Villa, die sich auf einem Hügel erhob und in der Sonne wie ein leuchtendes Juwel wirkte. Kurz drang helles Kinderlachen über die Mauer, und ein Lächeln schlich sich auf Elsas runzelige Züge. Sie erinnerte sich, wie es gewesen war, mit ihren fünf Geschwistern zu spielen und zu streiten. Ihre Eltern hatten nur wenig Geld besessen, sodass sie die geflickten Kleider ihrer älteren Schwestern hatte tragen müssen. Damals war ihr größter Wunsch ein neues, rotes Kleid mit weißen Rüschen gewesen. Dieses Kind dagegen muss wie im Paradies leben und alles bekommen, was es will, dachte sie, seufzte wehmütig und bewegte ihre müden Knochen weiter.
Hätte sie durch die hohen, weißen Mauern blicken können, hätte sie ein Mädchen gesehen. Aber wenn sie auch fähig gewesen wäre, in sein Herz zu schauen, hätte sie dort einen Schatten Traurigkeit gefunden. Momentan jedoch schaukelte die neunjährige Lilly und dabei konnte sie alle Sorgen hinter sich lassen. Sie schwang sich immer höher hinauf, als wollte sie den Vögeln in den Wolken Gesellschaft leisten. Ihre langen, dunklen Haare fielen ihr beim Zurückschaukeln ins Gesicht und flogen beim Aufwärts wieder fort. Um die entstehenden Windzüge zu genießen, hatte sie die Augen geschlossen.
„Lillian, Verena!“, schreckte eine Stimme sie plötzlich auf. Nur ihre Lehrer und die Haushälterin riefen sie Lillian. „Kommt herein, das Abendessen ist in fünf Minuten fertig.“
„Ich bin unterwegs!“, antwortete Lilly und sprang von der Schaukel. Sie brauchte nicht auf ihre Uhr zu schauen, um zu wissen, dass es in fünf Minuten 18 Uhr war. Ihre Eltern hatten einen geregelten Tagesablauf, der selbst galt, wenn sie nicht zu Hause waren. Der Kies unter ihren Schuhen knirschte, als sie den Weg entlanglief, der vorbei am Swimmingpool zur Terrasse führte. Mit einem Satz nahm sie die drei Stufen und öffnete die Tür.
„War Verena nicht vorhin da?“, fragte Heike, die Haushälterin, als Lilly allein in das Esszimmer kam und sich an den gedeckten Tisch setzte. Der Duft einer würzigen Bolognesesoße stieg dem Mädchen in die Nase.
„Sie ist nach Hause gegangen.“
„Wie schade, ich habe für euch beide Essen gemacht. Sie ist ein so nettes Kind.“
„Wenn du meinst“, murmelte Lilly und nahm sich von den Spaghetti.
„Lillian, was ist mit dir?“ Da Lilly nicht antwortete, fragte die Haushälterin weiter: “Und hast du es dir überlegt? Möchtest du nicht ein Pony? Nicht jedes Mädchen hat eins.“
Erregt warf Lilly die Gabel über den Tisch und diese fiel laut klirrend zu Boden.
„Ich will kein Pony, sondern meine Eltern!“, rief sie aus. „Außerdem ist die doofe Verena nur freundlich zu mir, weil wir reich sind. Sie interessiert sich gar nicht für mich.“
„Lillian, deine Eltern lieben dich sehr, aber sie müssen gerade sehr hart arbeiten.“
Heike wollte ihr besänftigend über das Haar streichen, doch Lilly wandte den Kopf ab, und sie zog die Hand zurück. Bestimmt weiß sie nicht, was sie nun sagen oder tun soll, dachte Lilly. Seltsam, dass sie sich gut daran erinnern konnte, wie Heike ihr früher Bücher vorgelesen hatte. Sie brauchte nur die Augen zu schließen und sah dann die hagere, schwarzhaarige Frau an ihrem Bett sitzen. Ihre Eltern dagegen hatten ihr selten Geschichten erzählt. Ja, es war unfair, Heike anzuschreien.
„Ich habe keinen Appetit“, sagte Lilly schließlich und stand auf. Rasch eilte sie die Treppe hinauf und schloss sich in ihrem Zimmer ein. Nachdem sie das Foto ihrer Eltern vom Nachttisch genommen hatte, warf sie sich auf das Bett.
„Ich weiß, dass ihr hart arbeiten müsst, aber könntet ihr nicht auch einmal für mich da sein?“
Zärtlich strich sie über das Bild. Es zeigte ihre Eltern Arm in Arm im Stadtpark. Auf den kastanienbraunen Locken ihrer Mutter schimmerte die Sonne und die haselnussbraunen Augen wirkten träumerisch, doch das täuschte. Frau von Lavenstein ließ sich mehr von ihrem Kopf als von ihrem Herzen leiten. Sie war Anwältin von Beruf und stammte ursprünglich aus Irland, aber auf einer Geschäftsreise hatte sie Jochen von Lavenstein kennengelernt und sich in ihn verliebt.
Herr von Lavenstein, Lillys Vater, war ein schlanker, sportlicher Mann mit schwarzem Haar und saphirblauen Augen. Von ihm hatte Lilly ihre Augenfarbe geerbt. Leider sah sie ihn selten, denn er war Arzt in einer Klinik und machte oft Überstunden. Früher war sie auf die Patienten eifersüchtig gewesen, bis ihr Vater es bemerkt und sie mit ins Krankenhaus genommen hatte. Diesen Tag würde sie niemals in ihrem Leben vergessen. All die armen Menschen, die sich wünschten, endlich wieder gesund zu werden. Besonders deutlich war ihr ein leukämiekrankes Mädchen im Gedächtnis geblieben. Zusammen mit seinen Eltern hatte es auf die erlösende Nachricht gewartet, dass der richtige Spender gefunden worden war. Der Gedanke, dass ihr Vater Leben rettete, tröstete Lilly und natürlich taten die Patienten ihr auch leid. Dennoch konnte sie nicht verhindern, dass sie oft traurig war, wenn während einer Verabredung der Pieper des Krankenhauses plötzlich anging und ihr Vater sie dann Heikes Obhut überließ.
Was machten ihre Eltern wohl in diesem Moment? Ihre Mutter war nach Irland geflogen, weil ein Bekannter sie gebeten hatte, ihn in einem wichtigen Fall zu vertreten. Das Mädchen seufzte. Jetzt bereute Lilly, dass sie ihrer Mutter gesagt hatte, sie solle nicht anrufen. Auf einmal klingelte das Telefon. In der Hoffnung, es könnte ihre Mutter sein, nahm sie ab.
„Guten Abend, Lilly von Lavenstein am Apparat.“
„Hallo, Lilly, hier ist Verena. Nach der Werbung zeigt VOX einen Bericht über Islandpferde – sicher wird er dir deine Entscheidung erleichtern. Bye.“
Es klickte und Lilly ließ langsam den Telefonhörer sinken. Vielleicht wäre es für sie leichter gewesen, wenn sie richtige Freunde gehabt hätte. Bei ihrer letzten Geburtstagfeier hatte sie jedoch gemerkt, dass die anderen Kinder in Wirklichkeit nicht sie mochten, sondern das Geld ihrer Eltern. Weil der 28. Mai ein warmer Tag gewesen war, hatte Heike Partyzelte am Swimmingpool aufstellen lassen und mit bunten Luftballons und Girlanden geschmückt. Es waren so viele Kinder gekommen, dass sich kleine Gruppen gebildet hatten. Während einige dem Zauberer zugesehen hatten, hatten anderen an den Tischen gestanden und die verschiedenen Gerichte und Süßigkeiten probiert. Lilly war zwischen den Gruppen hin und her geeilt, um mit allen sprechen zu können. Als sie sich ihren Klassenkameraden näherte, hatte sie Worte gehört, die sie tief ins Herz getroffen hatten.
“Wenn Lilly nicht reich wäre, wäre ich nicht mit ihr befreundet“, hatte Jessica geflüstert. „Sie ist ziemlich langweilig.“
„Stimmt, sie sagt nie ein böses Wort über andere und versucht, sie zu verteidigen. Das hat sie sicherlich von ihrer Mutter.“
Den Rest der Unterhaltung hatte Lilly nicht mehr mitbekommen. Sie war in ihr Zimmer gegangen und hatte die Tür abgeschlossen. Von da an hatte sie sich von den anderen Kindern zurückgezogen und galt als überheblich, aber das war Lilly gleich. Lieber keine Freunde als falsche.
Sie blickte wieder auf das Foto, von dem ihre Eltern sie strahlend anlächelten. Eine Träne tropfte auf das Glas und ließ das Gesicht ihres Vaters undeutlich werden. Lilly atmete tief ein, denn sie wollte nicht weinen. Tränen änderten nichts und nach dem Weinen fühlte sie sich immer elender als vorher. Sie kuschelte sich ins Kissen und stellte sich vor, mit ihren Eltern in einem Vergnügungspark zu sein. Mit dem Foto im Arm schlief sie ein.

Als Lilly aufwachte, bemerkte sie, dass der Wecker in einer Minute klingeln würde, und schaltete ihn schnell aus. Am liebsten wäre sie liegen geblieben, doch in spätestens zehn Minuten würde Heike einen Blick in ihr Zimmer werfen, um zu sehen, ob sie aufgestanden war. Also schlug sie die Decke zur Seite, schlüpfte in ihre Hausschuhe und ging ins Bad, um zu duschen. Wie in ihrem Kinderzimmer waren die Wände in ihrer Lieblingsfarbe Gelb gestrichen worden und die Möbel bestanden aus weißem Eschenholz. Nach dem Duschen zog Lilly sich einen kurzen Rock und ein Poloshirt an. Im großen Spiegel überprüfte sie ihr Aussehen, obwohl es ihr eigentlich gleichgültig war. Liebend gern würde sie einmal im Schlabberpulli zur Schule gehen, um ihre Lustlosigkeit zu demonstrieren. Aber so etwas würde Heike nie erlauben und außerdem besaß sie kein einziges Kleidungsstück, das lässig wirkte. Hoffentlich kriegen wir heute hitzefrei, dachte Lilly, während sie ihren Schulranzen nahm. Langsam schritt sie die Treppe hinunter und stellte den Ranzen im Flur ab. Als sie in das Esszimmer ging, entschuldigte sich Lilly bei Heike.
„Ach, Lilly, ich weiß, dass du es nicht böse gemeint hast. Komm, setz dich.“
Erleichtert nahm das Mädchen Platz und aß seinen Obstsalat. Es war froh darüber, dass die Haushälterin nicht über den gestrigen Abend sprechen wollte. Nachdem Lilly das Frühstück beendet hatte, reichte Heike ihr eine Brotdose.
„Sei vorsichtig und melde dich, wenn du später nach Hause kommen willst.“
„Keine Sorge, Heike, ich passe auf. Bis später.“
Lilly nahm ihren Ranzen und verstaute die Brotdose darin. Dann verließ sie das Haus, um zur nächsten Bushaltestelle zu gehen. Natürlich hätten ihre Eltern jemanden einstellen können, der sie zur Schule und wieder nach Hause fuhr. Aber sie sollte ein normales Mädchen bleiben und daher mit dem Bus fahren. Lilly verdrehte die Augen. Manchmal hatte sie das Gefühl erwachsener zu sein als ihre Eltern. Wie konnte sie ein gewöhnliches Kind werden, wenn ihre Mitschüler sie anders behandelten? Sie war wie die berühmte Taube unter Krähen. Als Lilly die Haltestelle erreichte, musste sie nicht lange warten, bis der Bus kam. Beim Einsteigen schlug ihr stickige Luft und der Geruch von Schweiß entgegen und sie hielt einen Moment den Atem an. Ihre Klassenkameradin Jessica saß ein paar Reihen weiter und winkte ihr zu. Sie war ein blondes Mädchen mit Zöpfen und Zahnspange, das den Mund fast nur aufmachte, um über andere zu lästern. Lilly begrüßte sie dennoch freundlich und nahm neben ihr Platz. Jessica wusste, dass Gerüchte sie nicht interessierten und so saßen die beiden schweigend nebeneinander. Manchmal wollte Lilly Jessica fragen, ob es nicht anstrengend war, Zeit mit einer Person zu verbringen, die man nicht mochte. Sie unterdrückte ein Seufzen. Wenn ihre Eltern sich ihre Klassenkameraden näher anschauen würden, fänden sie heraus, dass diese in Wahrheit oberflächlich waren.
Die Bushaltestelle der Schule wurde angesagt und Lilly war froh, wieder frische Luft einatmen zu können. Yvonne hatte bereits auf sie gewartet und die bis vorhin stille Jessica fing an, das neuste Gerücht über einen Star zu erzählen. Lilly hörte nicht zu und betrachtete den Himmel. Nicht eine Wolke war zu sehen und es war jetzt schon warm. Bestimmt würde sie heute hitzefrei bekommen. Ein anderer Bus kam und Verena, die ungekrönte Königin des Trios, stieg aus. Sie war der Grund, warum Lilly den Kontakt zu dieser Gruppe nicht einfach abbrechen konnte. Immer wenn sie es versuchte, rief Verena scheinbar besorgt bei Heike an und darauf folgte ein Telefongespräch mit ihrer Mutter, die sie belehrte, wie wichtig der Umgang mit normalen Menschen wäre.
„Hast du den Bericht gesehen?“, fragte Verena Lilly.
„Welchen Bericht?“
Verena verdrehte die braunen Augen.
„Schläfst du etwa noch? Den über die Islandpferde.“
„Nein.“
Verena schmollte und Yvonne fragte rasch: „Was macht ihr in den Sommerferien?“
„Oh“, Verena legte Lilly den Arm um die Schulter, „ich werde unsere liebe Freundin hier überzeugen, wie schön ein eigenes Pferd ist. Vielleicht ist ein Islandpferd wirklich nicht das Richtige für dich. Frag deine Eltern doch mal nach einem Araber oder einem Englischen Vollblut.“
Ein plötzliches Klingeln ließ Verena zurückspringen und lachend radelte Michaela an ihnen vorbei.
„Steht nicht im Weg herum. Das ist gefährlich!“
Während Verena fluchte, musste Lilly lächeln. Sie mochte Michaela, weil sie sich nie verstellte. Leider interessierte sich diese nur für Sport. Nachdem sich Verena beruhigt hatte, betraten die vier Kinder den Schulhof und setzten sich auf eine Bank. Bald waren sie von einigen Klassenkameradinnen umringt und es ging wieder um das Pferd, welches Frau von Lavenstein ihrer Tochter schenken wollte. Wäre Verena bloß nicht dabei gewesen, als Heike ihr davon erzählt hatte! Keiner verstand, wieso Lilly das Angebot noch nicht angenommen hatte. Aber wenn ihre Mutter sich wünschte, dass sie ebenfalls gerne ritt, dann sollte sie es Lilly selber zeigen.
Es klingelte und die Schüler gingen in ihre Klassenräume. Lilly sollte Recht behalten und sie bekamen nach der vierten Stunde hitzefrei. Sie nahm ihr Handy, um Heike anzurufen.
„Ihr habt schon wieder hitzefrei?“, wunderte sich Heike. „Deine Eltern machen sich Gedanken, dass du nicht genug lernst. Aber vielleicht trifft sich das gut, denn ein Privatlehrer hat sich heute vorgestellt und wird dir dann Unterricht geben. Sag deinen Freundinnen, dass sie leider erst nach 15 Uhr kommen können.“
„In Ordnung. Bis später.“
Lilly wusste nicht, ob sie weinen oder sich freuen sollte. Privatunterricht gegen Ruhe vor Verenas Gruppe – war das wirklich ein guter Handel?
„Was ist los, Lilly? Können wir nun zu dir fahren?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Das geht leider nicht. Weil so viele Stunden ausgefallen sind, haben meine Eltern einen Privatlehrer gebucht. Bis morgen.“
„Okay, bis morgen.“
Selbst wenn sie keinen Privatunterricht gehabt hätte, hätte Lilly es nicht eilig gehabt, nach Hause zu kommen. Mit hängenden Schultern betrat sie das Grundstück der Villa. Wie in den vergangenen Wochen würde sie alleine essen müssen, doch als Lilly die Tür aufschloss, erlebte sie eine Überraschung. Im Flur standen ihre Eltern. Lilly wollte ihren Augen nicht trauen.
„Liebling“, hörte sie ihre Mutter sagen. Dann kamen Frau und Herr von Lavenstein auf sie zu. Diana küsste sie auf die Wange und umarmte sie, während ihr Mann Lilly die Hand auf die Schulter legte. Fast hätte das Mädchen vor Glück geweint.
„Schatz, dass wir dich in letzter Zeit vernachlässigt haben, tut uns von Herzen leid. Wir haben uns daher für die Sommerferien etwas Besonderes ausgedacht.“ Ihre Mutter machte eine Pause und ihr Vater lächelte geheimnisvoll. „Wir werden Urlaub in Irland machen – auf einem Schloss.“
Lilly war einen Moment sprachlos.
„Wirklich?“, fragte sie nach. „Einem echten Schloss?“
„Ja, schau.“
Ihr Vater reichte Lilly ein Prospekt und dort stand in verschlungenen Buchstaben:

Wunderschön gelegen in einer einzigartigen, unberührten Landschaft findet man Ardan Castle. Wenn Sie durch den Schlossgarten wandeln, können Sie die Anwesenheit des Stillen Volkes spüren. Das Schloss selber besitzt 36 herrliche Zimmer und vor zwei Jahren wurden der Salon und die Bibliothek originalgetreu wieder hergerichtet. Der alte ausgedehnte Wald, der unser zauberhaftes Schloss umgibt, lädt zum Reiten, Fahrradfahren und Wandern ein.

Während Lilly die Beschreibung las, begann ihr Herz vor Freude schneller zu schlagen. Sie glaubte, dass es ihr gleich aus der Brust und auf dem Boden wie ein Ball herumspringen würde. Irland, die Heimat ihrer Mutter, wollte sie schon immer sehen.
„Wann fahren wir?“
„Nächsten Samstag“, antwortete Herr von Lavenstein.
„Wahnsinn!“ Sie lief in die Küche und wedelte aufgeregt mit dem Prospekt. „Heike, hast du das gehört? Wir fahren nach Irland! Und stell dir vor, wir werden in einem richtigen Schloss schlafen.“
„Das ist ja klasse“, meinte die Haushälterin.

Die nächsten Tage vergingen langsamer als die vier Wochen vor Weihnachten und bereits am Mittwoch packte Lilly die Koffer. Gerade als sie fertig geworden war, kam Heike in ihr Zimmer. Lächelnd sagte diese, dass die Kleider bis Samstag zerknüllen würden, und nahm sie wieder heraus. In der Schule dagegen freute sich keiner mit ihr, Verena und die anderen Kinder wollten nur wissen, ob sie bald ein Pferd bekäme. Lilly jedoch ließ sich ihre Begeisterung nicht nehmen. Um sich die Zeit des Wartens zu versüßen, kaufte sie sich von ihrem Taschengeld einen Irlandkalender und schaute sich abends die Bilder an, bis ihre Augen müde wurden.
Endlich kam der ersehnte Samstag. Ein Taxi holte sie von zu Hause ab und fuhr sie nach Hamburg, wo Lilly zum ersten Mal in ihrem Leben einen Flughafen betrat. Hektisch wie auf einem Schulhof, dachte sie und spürte, wie ihre Mutter sie bei der Hand nahm. Durch die Fenster konnte sie einige der Maschinen starten sehen. Lilly riss sich los und lief voraus. Nach zehn Metern drehte sie sich um und winkte ihren Eltern zu.
„Beeilt euch, sonst fliegen sie ohne uns!“
„Lilly, nicht so schnell!“, rief ihre Mutter. “Wir haben noch Zeit.“
Jochen lachte.
„Lass sie doch.“
Böse sah Diana ihren Mann an und fragte: „Weißt du, wie schnell ein Kind verloren geht?“
Frau von Lavenstein hätte sich keine Sorgen machen brauchen, denn an der Flugticketkontrolle wurde Lilly gestoppt. Mit glühenden Wangen wartete sie auf ihre Eltern. Nachdem sie ihre Tickets vorgezeigt hatten, konnten sie an Bord gehen. Lilly ließ sich auf ihren Platz am Fenster fallen, schnallte sich an und presste die Nase an die Scheibe, um zu beobachten, wie die Treppe entfernt wurde. Ihr Vater setzte sich neben sie.
„Wir heißen Sie am Bord unserer Maschine willkommen“, tönte es aus den Lautsprechern. „Sollten Sie Wünsche oder Probleme haben, wenden Sie sich an unsere hilfsbereiten Stewardessen. Schnallen Sie sich jetzt bitte an, damit wir starten können. Wir wünschen Ihnen einen schönen Flug.“
Die große Maschine setzte sich in Bewegung. Schneller und schneller rollte sie über die Startbahn, bis sie schließlich absetzte und in den Himmel aufstieg. Nichts als Wolken, dachte Lilly, als die Umrisse der Häuser unter den weißen Inseln verschwanden. Es ist wunderschön. Wenn es Gott wirklich gibt, liebt er die Vögel sicher mehr als die Menschen, sonst hätte er auch uns Flügel gegeben.
„Kleines“, sagte Jochen.
„Nenn mich nicht Kleines. Das ist albern.“
„Ich sehe keinen lachen, Lilly.“ Ihr Vater grinste schelmisch. Manchmal sieht er aus wie ein kleiner Junge, dachte Lilly und war wahnsinnig stolz, dass sie so einen Vater hatte. Noch schöner war, dass er ihr nun ganz allein gehörte.
„Spaß beiseite, ich habe ein Geschenk für dich.“
Aus seiner Reisetasche holte er ein kleines Päckchen, das etwa die Größe eines Brillenetuis hatte und im nachtblauen Geschenkpapier eingepackt war. Gespannt löste Lilly die Silberschnur, um es auszupacken. Zum Vorschein kam ein silbernes Taschenmesser.
Die Augen ihrer Mutter wurden schmal und Lilly wusste, dass sie verärgert war.
„Jochen, wie kommst du auf die Idee, deiner Tochter so etwas zu schenken?“
„Diana, das kann auch ein Mädchen gebrauchen – für den Fall, dass es sich im wilden Wald verirrt.“
„Es ist toll!“, rief Lilly und fiel ihrem Vater um den Hals. Sie freute sich über das Geschenk, weil Jochen aus diesem Gegenstand während ihres Urlaubs einen einzigartigen machen würde. Und wenn sie nach Hause kämen, würde das Taschenmesser von einem Abenteuer erzählen, das man für kein Geld der Welt kaufen konnte. Das Mädchen steckte es in ihre Umhängetasche, in der sie auch eine Wasserflasche und zwei Äpfel aufbewahrte.
Um 13 Uhr landete das Flugzeug in Knock, einer Stadt im Westen Irlands. Nachdem sie im Flughafen-Restaurant Mittag gegessen hatten, flogen sie weiter nach Sligo und nahmen den Zug. Ihr Abteil befand sich gleich hinter der Lokomotive. Obwohl Lilly gerne unterwegs war, würde sie es langsam müde, aus dem Fenster zu blicken. Als die Anzahl der Bauernhöfe geringer wurde, hoffte Lilly, dass sie bald ihr Ziel erreicht hatten. Plötzlich bremste der Zug.
„Was ist denn los?“, fragte Diana.
„Liebe Fahrgäste, entschuldigen Sie den abrupten Stopp, aber auf den Gleisen steht eine Kuh. Wir werden gleich weiterfahren.“
„Das muss ich sehen!“, rief Lilly lachend, zog das Schiebefenster runter und lehnte sich raus. Der Lokomotivführer stieg gerade aus und versuchte mit wedelnden Armen, die Kuh zu verscheuchen. Als diese sich nicht beeindruckt zeigte, zog er an ihrem Schwanz. Trotzdem rührte sich die schwarz-weiße Dame keinen Zentimeter.
„Du Mistvieh!“, fluchte der Mann.
Die Kuh wandte ihm den Kopf zu.
„Muh“, war ihre einzige Antwort.
Lilly konnte sich nicht beherrschen und fing an zu lachen. Gleichzeitig hörte sie weiteres Gelächter. Auch andere Fahrgäste hatten die Fenster geöffnet und streckten ihre Köpfe hinaus. Lilly sah ihnen an, dass sie gespannt waren, ob und wie der Lokführer das Problem lösen würde.
„Liebes Mädchen, das Gras hier kann unmöglich schmecken. Geh lieber ein paar Meter weiter.“
Die Kuh wollte scheinbar kein Gras mehr fressen, sondern sich ausruhen. Prompt ließ sie sich auf den Gleisen nieder.
„Nein!“, rief der Mann. „Aufstehen!“
Nun versuchte er das Hinterteil hochzudrücken, dann lief er zum Kopf und zog an den Hörnern des Tieres. Widerwillig riss es den Kopf zur Seite, sodass der Mann im Gras landete. Er stieß einen wütenden Schrei aus und schleuderte seine Mütze fort. Ich muss ihm helfen, sonst passiert ihm noch etwas, dachte Lilly, stieg aus dem Zug aus und stellte sich neben dem verzweifelt dreinblickenden Mann.
„Vielleicht sollte ich den Gästen ein Picknick vorschlagen“, murmelte der Zugführer.
„Probleme?“
„Ah!“ Der Mann fuhr zusammen. „Kind, musst du mich so erschrecken?“
„Verzeihung, das wollte ich nicht. Ich dachte, ich könnte helfen.“
„Dieses Mistvieh will sich nicht rühren.“
„Sie haben einen Akzent“, bemerkte Lilly. „Sind Sie kein Ire?“
„Non, ich bin geborener Franzose und stolz darauf.“ Er beugte sich zu ihr herab. „Wenn du mich fragst, die Iren sind ein komisches Volk.“
Lilly hob die Schaffnermütze auf und reichte sie dem Besitzer. Die Kuh schnupperte an Lillys Umhängetasche und der Lokführer riss sie weg.
„Mein Gott, sie will dich fressen.“
„Nein, sie hat nur etwas gerochen.“
Lächelnd holte Lilly einen Apfel hervor.
„Komm“, sagte sie freundlich zur Kuh.
Nach einigen Minuten war das Locken erfolgreich, das Gleis frei und die Kuh ließ sich den Apfel schmecken.
„Rasch weiter, bevor sich das Vieh aus reiner Bosheit wieder auf die Schienen stellt. Ich sage ja: Traue nie einem Tier, das bereits Gefressenes aufstößt, um es ein zweites Mal zu kauen. Ekelhaft, nicht wahr? Ah!“
Der Mann rutschte auf einen Kuhfladen aus und fiel der Länge nach hin. Ärgerlich sah er die Kuh an.
„Dieses Biest hat es auf mich abgesehen.“
Lilly half dem Zugführer auf und sah, wie das Tier davon schritt. Nach diesem Ereignis dauerte die Fahrt nicht mehr lange und der Zug hielt an einem einsamen Bahnsteig. Davor stand eine Kutsche mit heruntergelassenem Verdeck. Ihr Holz war schwarz lackiert, nur die Räder waren rot gestrichen worden. Auf dem Kutschbock saß zusammengesunken ein älterer Mann und schien zu schlafen.
„Ist die für uns?“, fragte Lilly leise.
„Ja, mein Schatz“, sagte Jochen.
Als Jochen die Zugtür öffnete und mit seiner Familie ausstieg, richtete sich der Kutscher auf. Sein von der Sonne gebräuntes Gesicht lächelte breit.
„Familie von Lavenstein!“, rief er. „Herzlich willkommen, ich werde sie zum Schloss bringen. Mein Name ist Erin.“
„Vielen Dank, Erin. Ich werde selber meinen beiden Damen beim Einsteigen helfen.“
Lilly deutete auf den Platz neben dem Kutscher.
„Papa, kann ich nicht vorne sitzen?“
Ihr Vater lächelte.
„Wenn es Erin nichts ausmacht.“
„Natürlich nicht. Komm, kleine Miss.“
Das Mädchen ließ sich auf den Bock ziehen und setzte sich neben Erin, während Jochen seiner Frau in die Kutsche half. Nachdem er die Tür geschlossen hatte, rief der Kutscher: „Los, Henry!“
Das braune Pferd schnaubte und ließ dann im schnellen Trab den Bahnsteig hinter sich.
„Möchtest du die Zügel halten?“, fragte Erin nach einer Weile.
Freudig nickte Lilly und entdeckte bald, dass es nicht so leicht war, wie es aussah. Henry schien es eilig zu haben und immer wieder musste Lilly ihn zurückhalten. Der Weg führte sie nun durch einen Wald, in denen Vögel fröhlich ihre Lieder trällerten. Das Mädchen ließ das Pferd in Schritt fallen. Am liebsten hätte sie über die Schulter einen Blick auf ihre Eltern geworfen. Sahen sie so verliebt aus wie auf dem Foto? Plötzlich hallte ein Schrei durch den Wald und sofort verstummten die Singvögel.
„Ein Falke“, erklärte Erin. „Kleine Miss, du hältst die Zügel schon lange – wird es nicht langsam anstrengend?“
Da hatte der Kutscher Recht, denn auch wenn es Spaß machte, das Pferd zu lenken, schmerzten ihr bereits Hände und Schultern.
„Ich glaube, er kennt den Weg“, sagte Lilly, als sie Erin die Zügel zurückgab.
„Ja, und er freut sich auf seine verdiente Portion Hafer.“
Als sich der Wald lichtete, gab er den Blick auf ein altes Gemäuer frei.
„Schaut!“, rief Lilly und deutete auf das dreistöckige Schloss, das von zwei Türmen mit mannshohen Zinnen beschützt wurde. Auf dem Hof standen noch andere Kutschen, mit denen die Gäste Ausflüge unternehmen konnten.
„Gibt es hier keine Autos?“, fragte Frau von Lavenstein verwirrt.
„Autos sind zwar unerwünscht, aber in einer der Scheunen steht ein Wagen, um im Notfall den nächstgelegenen Ort schnell erreichen zu können.“
„Um Notfälle brauchen Sie sich jetzt keine Sorgen mehr zu machen. Mein Vater ist Arzt und wird sicher gerne helfen.“
„Ich bin doch im Urlaub!“, protestierte ihr Vater.
Erin lachte.
„In unserem Schloss wohnt auch ein Arzt.“
Er hielt die Kutsche vor der steinernen Treppe, die zum Eingang führte. Ein in Rot gekleideter Portier kam herunter, um sie zu begrüßen und ihnen mitzuteilen, dass das Transporter ihre Koffer schon gebracht hatte. Danach führte er sie die Treppe hoch und öffnete ihnen die Tür.
Sie betraten einen Empfangssaal, der mit einem roten Teppich ausgelegt war. An den Wänden hingen Gemälde von Tieren des Waldes, aber zum Glück gab es keine ausgestopfte Köpfe. Eine sehr vornehm wirkende Dame in den Sechzigern kam ihnen entgegen.
„Herzlich willkommen auf Schloss Ardan. Ich bin Cinderella Hasven, die Besitzerin.“
Lilly musste ein überraschtes Gesicht gemacht haben, denn die Dame wandte sich ihr mit einem freundlichen Lächeln zu.
„Ich sehe, du bist verwundert, aber in England ist dies ein häufiger Name. Meine Eltern gaben ihn mir wohl, um diesem Schloss eine besondere Note zu geben.“
Früher musste Lady Hasven eine sehr schöne Frau gewesen sein. In ihrem immer noch rabenschwarzen Haar fanden sich kaum silberne Strähnen und das Gesicht wirkte erstaunlich jung. Nur ein paar Fältchen um Mund und Augen verrieten ihr Alter sowie ihr freundliches Wesen.
„Sie sind sicher erschöpft von der Anreise. Daher möchte ich Ihnen gerne Ihre Zimmer zeigen. Folgen Sie mir bitte.“
Zunächst brachte Lady Hasven sie zum Gemach, im dem Lilly schlafen sollte. Dem Mädchen verschlug es die Sprache. Tapete, Teppich und die Vorhänge an Fenster und Himmelbett strahlten im sommerlichen Gelb und die wolkenweißen Möbel waren verziert mit kleinen Engeln und Blumen. War es reiner Zufall, dass Lilly einen Raum bekommen hatte, der in den gleichen Farben eingerichtet war wie ihr eigener?
„Deine Eltern haben das Zimmer nebenan“, sagte die Schlossherrin und die drei Erwachsenen ließen Lilly alleine.
Unsicher berührte sie den verschnörkelten Tisch, dann schaute Lilly auf und sah ihr Gesicht im Spiegel. In ihren blauen Augen leuchtete stille Freude. Das werden die schönsten Ferien meines Lebens, dachte das Mädchen und trat zum Fenster. Von hier aus hatte man einen herrlichen Blick auf den Garten, der einem kleinen Labyrinth ähnelte. Bestimmt konnte man da wunderbar Versteckenspielen. Leider hatte Lilly keine anderen Kinder gesehen, aber das machte nichts. Zur Not mussten ihre Eltern als Ersatz herhalten. Sie lächelte und beschloss, sich das Labyrinth näher anzusehen.
„Wo willst du hin, Lilly?“, fragte ihr Vater, als sie aus dem Zimmer stürmte.
„Ich schau mir den Garten an.“
„Willst du nicht erst einmal auspacken?“
„Später!“, antwortete sie und lief rasch die Treppen runter. Außer Atem erreichte sie den Garten. Gelbe Rosen rankten sich über dem Eingang zum Labyrinth. Sich dem Zauber des Augenblicks überlassend, betrat Lilly den Irrgarten. Gewundene Pfade führten sie zu geheimnisvoll lächelnden Statuen, Bänken und einem kleinen Teich. Das Wasser schimmerte smaragdgrün und spiegelte das Mädchen auf seltsame Art. Es schien Teile von Lilly preiszugeben, von denen sie nicht oder nicht mehr wusste, dass sie existierten. Ein sanfter Wind strich über das Wasser hinweg, die Oberfläche kräuselte sich und ihr Bild verschwamm. Verwirrt trat Lilly einen Schritt zurück und machte kehrt, um das Labyrinth weiter zu erforschen. Endlich öffnete sich die Hecke und gab den Blick auf das Herzstück des Gartens frei. Die Farbenpracht unzähliger Blüten blendete sie fast und ein süßer Geruch stieg ihr in die Nase. Efeuranken verdeckten völlig die Mauern und zwei Ritter aus Stein schienen über diesen Ort zu wachen. Als ob er verwunschen wär, dachte Lilly und ließ sich auf ein Knie nieder, um an einer weißen Lilie zu riechen.
„Na, kleine Miss, bewunderst du die Blumen?“
Lilly hob den Kopf. Erin, der Mann, der sie hergefahren hatte, stand vor ihr, doch nun trug er die Kleidung eines Gärtners.
„Sie sind wunderschön.“
„Pflücken solltest du sie aber nicht, sonst machst du das Stille Volk traurig.“ Er sah sich um, ob jemand in der Nähe war, und flüsterte: „Man kann nie wissen, ob sie da sind.“
„Sie glauben an Elfen?“
„Pst! Bitte, lieber Gott, lass sie das nicht gehört haben. Ja, das ist ein anderer Name für das Stille Volk, dennoch solltest du sie nicht so nennen. Das mögen sie nämlich nicht.“
Lilly schwieg einen Moment und Erin lächelte aufmunternd.
„Wer weiß? Vielleicht siehst du ja einen von ihnen.“
„Haben Sie schon einen aus dem Stillen Volk gesehen?“
„Nein.“
„Woher wissen Sie denn, dass es sie gibt?“
Erin deutete auf die Blume vor ihr.
„Ist dir bewusst, dass du gerade an einer Lilie gerochen hast?“
Sie nickte und Erin erklärte, dass diese Pflanzen in säurehaltigem Boden schlecht gedeihen. Neugierig betrachtete Lilly die Blätter. Sie hatten keinen einzigen braunen Fleck.
„Sie ist vollkommen gesund.“
„Eben, und rat mal, wer dafür verantwortlich ist.“
„Das Stille Volk?“
„So ist es.“
Zum Abschied fasste sich der Mann an die grüne Mütze und verschwand hinter einen Busch. Elfen. Verstohlen wanderte ihr Blick über die Blumen. Nichts Ungewöhnliches zu entdecken. Lilly zuckte mit den Achseln. Nachdem sie den Garten erkundet hatte, wurde es Zeit, sich im Schloss umzusehen.
In einigen Gängen standen echte Ritterrüstungen und das Mädchen konnte sich gut vorstellen, wie tapfere Männer damals das Schloss beschützt hatten. An den Wänden hingen Schilde und Waffen. Verwundert fragte Lilly sich, warum Lady Hasven keine Angst hatte, dass die kostbaren Dinge gestohlen wurden. Sie wollte weitergehen, da hörte sie Schritte und blieb stehen. Die Schlossherrin kam um die Ecke. In ihren Armen trug sie zwei Kartons, über die sie kaum schauen konnte. Lilly lief ihr entgegen.
„Kann ich Ihnen helfen?“
„Lieb von dir, doch du bist Gast und hier, um deine Ferien zu genießen.“
„Aber meine Eltern haben mir beigebracht, dass ich anderen helfen soll, wenn ich kann.“
„Na, wenn es so ist, nehme ich dein Angebot an.“
Lilly ließ sich einen der Kartons geben und folgte Cinderella Hasven bis zu ihrem Arbeitszimmer im ersten Stock. Um die Tür aufzuschließen, stellte Lady Hasven ihren Karton ab.
„Stell deinen auf den Schreibtisch“, sagte die alte Dame und öffnete die Tür. Nachdem Lilly sich von ihrer Last befreit hatte, sah sie sich um. In den Regalen reihten sich Bücher und schwarze Ordner aneinander, während an den Wänden Landschaftsbilder hingen.
„Das ist wohl der langweiligste Ort des Schlosses, nicht wahr?“, fragte Lady Hasven.
Weil Lilly ein Ja unfreundlich erschien, suchte sie nach Worten: „Nun – wenn hier Sachen wären, die Sie ablenkten, kämen Sie kaum zum Arbeiten. Das wäre auch nicht gut.“
Die Schlossherrin lachte und zog etwas aus ihrer Tasche. „Für deine Hilfe gebe ich dir den Schlüssel zum Speicher des linken Turms. Ein kleiner Schatzsucher kann dort viele alte Dinge entdecken. Wenn dir etwas gefällt, darfst du es behalten. Leg den Schlüssel anschließend unter die Fußmatte. Erin wird später etwas auf den Speicher bringen und mir den Schlüssel zurückgeben.“
„Oh, vielen Dank!“, rief Lilly begeistert und griff nach dem Schlüssel. Er war aus Eisen und hatte keine Verzierungen. Trotzdem war sie überzeugt, dass ein Abenteuer auf sie wartete. Um zum Turm zu gelangen, musste sie zunächst wieder ins Erdgeschoss, danach eilte Lilly den Hauptgang entlang bis zur Treppe. Ihr Herz schlug inzwischen aufgeregt und sie nahm zwei Stufen auf einmal. Schweratmend kam das Mädchen an der Holztür an, die das Schild Speicher trug.
Sie knarrte laut, als Lilly sie öffnete. Das Licht, das vom Treppenhaus in den Raum schien, fiel auf einen alten Globus. Das Mädchen tastete nach dem Lichtschalter und nach ein paar Sekunden war der ganze Raum erhellt. Auf einem Tisch lag eine Spieluhr und ein verstaubter, goldener Spiegel hing an der Wand. Neben einer Kiste entdeckte Lilly ein großes Schaukelpferd. Mit viel Liebe war es geschnitzt worden und die schwarzen Augen schienen sie traurig anzublicken. Bestimmt hat man dich hier vergessen, dachte das Kind mitfühlend und befreite es vom Staub. Dann setzte sich Lilly auf seinen Rücken und überlegte, was sie als Nächstes tun sollte.
Schief über der Tür hing ein wunderschönes Gemälde. Es zeigte eine Prinzessin und ein Einhorn vor einem Springbrunnen. Die Königstochter trug fliederfarbene Gewänder aus Seide und auf ihrem goldenen Haar schimmerte ein Diadem. Zu den Hufen des Einhorns blühte eine weiße Rose, auf der ein Schmetterling saß, während in den Bäumen der Kokon einer Raupe hing.
„Ich habe eine Idee“, sagte Lilly zum Schaukelpferd, „du bist ein verzaubertes Einhorn und ich muss dich erlösen, allerdings muss ich aufpassen, sonst werde ich womöglich in eine Puppe verwandelt.“
Auf der Kommode stand ein Flaschenschiff und Lilly spann ihre Geschichte weiter. Die Hexe hatte also nicht nur ihr Einhorn in ein Schaukelpferd verwandelt, sondern sogar das Schiff geschrumpft, mit dem sie an der Küste Irlands gelandet waren. Rasch öffnete sie die oberste Schublade. In ihr verbargen sich zwischen Stoffresten eine gewundene Muschel und ein Kristall von einem Kronenleuchter. Der Kristall funkelte, als Lilly ihn im Licht drehte.
„Schön, doch leider nicht das richtige“, murmelte sie und legte ihn zurück.
In der nächsten Schublade lag eine Schmuckschatulle, die sehr alt zu sein schien und viele Verzierungen hatte. Das könnte es sein, dachte Lilly triumphierend und öffnete sie. Die Schatulle war leer. Ein Laut der Enttäuschung entfuhr dem Mädchen, aber eine Heldin gab nicht auf. Vorsichtig schlich sie durch den Raum und entdeckte ein Spinnrad. Das war sicher eine Falle. Die Hexe glaubte wohl, dass Lilly nicht wusste, was mit Dornröschen geschehen war, als diese eine Spindel berührt hatte.
Nachdenklich sah das Mädchen das Schaukelpferd an und tippte mit dem Zeigefinger gegen ihre Unterlippe.
„Lass mich überlegen. Wie kann ich den Fluch brechen? Mit einem Zauberspruch vielleicht. Zaubersprüche stehen in Büchern oder auf alten Schriftrollen. Ah!“
An der Wand stand eine Truhe, auf der eine dicke Staubschicht lag. Lilly ließ sich auf ein Knie nieder und wollte die Truhe öffnen, aber natürlich war sie verschlossen. Wie frustrierend. Sie hätte sich auch denken können, dass man ein wertvolles Buch nicht ungeschützt herumliegen lässt. Was sollte sie nun machen? So nah am Ziel durfte sie nicht aufgeben. Zu dieser Truhe musste es einen Schlüssel geben. Sollte Lilly die gute Fee danach fragen? Nein, die kümmerte sich sicher um ihre Eltern, und diese durften nicht erfahren, dass sich ihre Tochter auf einer geheimen und gefährlichen Mission befand.
Maid Lilly, denk logisch, forderte sie sich auf. Zu einer alten Truhe gehört ein alter Schlüssel. Vielleicht hat die Hexe ihn im Globus versteckt? Nein, der scheint bei Weitem nicht so alt zu sein wie die Truhe. Zwischen den Tüchern? So dumm ist die böse Zauberin bestimmt nicht. Sie sah auf die Uhr. Bald musste sie die Lösung finden, denn in einer halben Stunde wurde aus der tapferen Maid Lilly wieder ein gewöhnliches Mädchen. Also, wo war der Schlüssel versteckt? Sie sah sich um und ihr Blick stockte an der Kommode. In ihrer Enttäuschung hatte sie die Schatulle nicht zurückgelegt. Das Mädchen fuhr sich über das Kinn. Das Kästchen war etwa so alt wie die Truhe. Hatte es vielleicht ein Geheimfach?
Lilly stand auf, ging zur Kommode und nahm die Schatulle in die Hand. Durch Abmessung mit dem Finger stellte sie fest, dass zwischen der Unterseite und dem rot gefütterten Boden einige Zentimeter lagen. Aufgeregt berührte sie ein paar der Verzierungen und plötzlich schnappte das Kästchen auf. Eine Platte fiel zu Boden und in dieser befand sich ein Schlüssel. Nachdem Lilly ihn aus der Form gelöst hatte, trat sie auf die Truhe zu und steckte den Schlüssel ins Schloss. Lass es uns versuchen, dachte das Mädchen und drehte ihn um. Die Truhe klickte! Sherlock Holmes war nichts gegen sie! Mit klopfendem Herzen hob Lilly den Deckel und war ein wenig überrascht, als sie tatsächlich ein Buch vor sich sah. Mit seinem ledernen, gelben Einband sah es harmlos aus. Sie griff nach ihm.
„Lilly!“, ertönte die Stimme ihre Mutter von draußen und sie zuckte zusammen. Schnell nahm sie das Buch. Bevor sie in die Wirklichkeit zurückkehrte, musste sie ihren Auftrag erfüllen.
„Ich spüre, wie die Weisheit des Buches in mich fließt“, flüsterte Lilly. „Der erlösende Zauberspruch lautet:
Ich befreie dich von der Pein,
wieder atmend sollst du sein.
Die Hexe machte sich zum Narr,
denn nun ist alles, wie es vorher war.“
Bei den letzten Worten drehte Lilly sich übermütig im Kreise, danach verließ sie den Speicher. Von ihren Eltern keine Spur. Ob sie vorbeigegangen waren? In diesem Fall würden sie in wenigen Minuten vom Turm zurückkommen. Eilig verschloss Lilly die Tür und legte den Schlüssel unter die Fußmatte. Das Buch eng an sich gepresst, schlich sie die Treppe hinunter. Zu gern hätte sie hineingeschaut, doch das wollte sie in einer stillen Stunde. Bevor sie das Ende der gewundenen Treppe erreichte, hörte sie wieder die Stimme ihrer Mutter: „Glaubst du, sie hat mich gehört?“
„Bestimmt wird sie gleich hier sein. Außerdem denke ich, dass das gesamte Schloss dich gehört hat.“
Ob ihre Mutter bei diesen Worten errötete? Lilly schaute hinaus auf die Turmplattform.
„Papa!“, entfuhr es ihr.
„Lilly, da bist du ja. Was schaust du mich so an? Sehe ich nicht gut aus?“
Gut sah er in der Tat aus. Er trug einen dunkelblauen Anzug und eine Krawatte. Noch erstaunter war Lilly, als sie ihre Mutter im roten Abendkleid erblickte.
„Muss ich mich auch umziehen?“
„Natürlich. Wo hast du dich eigentlich herumgetrieben?“
Verständnislos sah Lilly an sich herab und bemerkte, was ihre Mutter störte. Staub bedeckte ihre Hose und den Pullover.
„In fünf Minuten bin ich fertig!“, rief sie und machte kehrt, um sich in ihrem Zimmer umzuziehen. Ihre Eltern hatten ihren Koffer schon ausgepackt. Nachdem Lilly das Buch in eine Schublade gelegt hatte, öffnete sie den Kleiderschrank. Ein hübsches, fliederfarbenes Kleid hing zwischen ihren normalen Sachen. Toll, dachte das Mädchen und hatte wenig später das prinzessinnenhafte Kleid an. Nun konnte sie mit ihren Eltern zum Abendessen gehen.
Ihr Vater lächelte, als sie zurückkam, und sagte: „Anscheinend sind wir jetzt eine adelige Familie. Lasst uns speisen gehen.“
Das Restaurant des Schlosses wurde von Kerzenleuchtern erhellt und auf ihrem Tisch stand eine Vase roter Rosen. Galant schob Jochen Diana und seiner Tochter die Stühle hin, bevor er selbst Platz nahm. Ein Kellner kam an ihren Tisch, um jedem eine Speisekarte zu reichen. Was sollte Lilly nur nehmen? Weder Pommes noch Pizza standen zur Auswahl. Schließlich beschloss sie, gegrillte Forelle zu nehmen.
Während ihr Vater die Menüs bestellte, betrat eine junge Frau mit feuerrotem Haar die Bühne. Sie verbeugte sich und begann ein altes, irisches Lied zu singen. Ihre Stimme war kristallklar und das Mädchen beneidete sie etwas. Es hatte keine besondere Begabung. Ein Blick durch den Saal verriet Lilly, dass sie das einzige Kind war. Die meisten Menschen waren doppelt so alt wie ihre Eltern.
„Bitte sehr“, sagte eine Stimme neben ihr.
Der Kellner hatte das Essen gebracht und stellte den Teller vor Lilly hin. Es sah lecker aus.
„Vielen Dank.“
Lilly war erleichtert, dass der gegrillte Fisch nicht nur appetitlich aussah, sondern auch vorzüglich schmeckte.
„Erin hat mir vom Stillen Volk erzählt“, berichtete Lilly.
Ihr Vater hob die Augenbrauen.
„Ach tatsächlich? Auch vom kleinen Schlossgespenst?“
„Du glaubst doch nicht, dass es hier spukt?“
„Wer weiß?“, antwortete ihr Vater rätselhaft. „Könnte sein, und ich bin sicher, wenn es ein Schlossgespenst gibt, wird es dich besuchen.“
Warnend blickte Frau von Lavenstein ihren Mann an und er wechselte das Thema.
„Gefällt dir dein Zimmer, Lilly?“
Sie nickte und dachte an das auf dem Speicher gefundene Buch. Was konnte drin stehen? Hoffentlich etwas Interessantes. Nach dem Abendessen war es schon spät und Diana schickte ihre Tochter auf ihr Zimmer. Dort angekommen schloss Lilly die Tür ab und schlüpfte in ihren Pyjama. Dann warf sie sich auf das Bett und holte das Buch aus dem Nachttisch. Abwägend wog sie es in den Händen. War es ein Schatz oder nur eine Sammlung alter Rezepte? Es gab nur eine Möglichkeit es herauszufinden. Lilly schlug das Buch auf.
Gleich die erste Seite entzückte sie. Um eine gelbe Rose tanzten zwei winzige Elfen, deren durchsichtige Flügel wie Seifenblasen schimmerten. Die eine Elfe hatte hellblaues Haar und trug ein kurzes violettes Kleid, die andere war grün gekleidet und das lange weiße Haar reichte ihr bis zur Hüfte. Die schön geschwungene Schrift unter dem Bild schien vom Papier davon fliegen zu wollen. Meine Erinnerungen lautete der Titel. Das Mädchen hielt inne. Es war ein Tagebuch und der Besitzerin würde es bestimmt nicht gefallen, wenn man ihre Geheimnisse las. Anderseits hatte das Buch in einer verstaubten Truhe gelegen. Bewies das nicht, dass es der Schreiberin gleichgültig war, was damit geschah? Lilly nahm die restlichen Seiten zwischen Daumen und Zeigefinger. Danach hob sie den Daumen etwas, sodass sie niedersausten. Sie erhaschte weitere Bilder und seufzte. Wenn da etwas steht, dass mich nichts angeht, überblättere ich die Seite, nahm Lilly sich vor und begann zu lesen.