Julia und das magische Taxi 1

Ein seltsamer Werbezettel

Während ihre Stiefelspitze ein Loch in den Rasen bohrte, stand Julia am alten Gartenzaun und sah auf ihre Armbanduhr. Fast halb elf. Normalerweise kam er um zehn Uhr. Wieso waren Postboten immer dann spät dran, wenn man auf etwas wartete? Ärgerlich stellte Julia fest, dass sie wieder begann, auf einer ihrer blonden Haarsträhnen herumzukauen. Verflixte Angewohnheit, besonders für ein Mädchen, das sich schönes langes Haar wünschte. Sie strich die Strähne hinters Ohr.
„Julia“, ertönte eine Stimme, und das Kind drehte sich um. Ihre Mutter, Elke Schiller, hatte das Küchenfenster geöffnet. „Wenn du dich langweilst, kehre bitte das Laub zusammen.“
„Ach, Mami, von unserem Zaun blättert seit Jahren die rote Farbe ab, also wird der Vorgarten danach nicht viel besser aussehen.“
„Was murmelst du da?“
„Nichts, aber ich mach es nur, bis der Postbote kommt.“
Julia dachte, dass sie bis dahin wenigstens abgelenkt wäre, und holte die Harke aus dem Keller, um sich an die Arbeit zu machen. Dabei war das Laub nicht einmal von ihnen, denn in ihrem Vorgarten standen weder Sträucher noch Bäume. Zum Glück waren die roten, gelben und braunen Blätter schnell zusammengefegt, doch vom Postboten war noch immer nichts zu sehen.
„Das ist genauso schlimm wie Kakao mit Haut!“, entfuhr Julia ihr Lieblingsschimpfsatz.
„Habe ich etwas von Kakao gehört? Hier ist einer für dich – ohne Haut natürlich.“
Ihre Mutter stellte den Becher auf die Fensterbank und überprüfte den Sitz des Gummibandes, das ihre langen blonden Haare zusammenhielt. Sie glänzten in der Herbstsonne, und Julia schämte sich für ihr eigenes schulterlanges Haar mit den fransigen Spitzen.
„Trink den Kakao“, sagte Frau Schiller, „sonst wird er kalt.“
Julia nahm die Tasse, und nachdem sie den Kakao ausgetrunken hatte, erschien endlich das gelbe Fahrrad. Schnell wie ein Hund, der eine Wurst roch, flitzte sie zum Zaun. Obwohl der Postbote schon über 50 Jahre alt war, näherte er sich zügig, und Julia musste zugeben, dass er mehr Schwung hatte als einige ihrer Schulkameraden. Als er in Hörweite war, rief sie: „Guten Morgen, haben Sie Post für mich, Herr Müller?“
„Oh, guten Morgen, Julia. Leider nur einen Brief für deinen Vater und einen etwas eigenartigen Werbezettel für Haushalte mit Kindern.“ Er gab ihr beides und fügte hinzu: „Sei bitte nicht enttäuscht, vielleicht ist morgen etwas für dich dabei. Auf Wiedersehen.“
Der Postbote fuhr weiter, während Julia überrascht stehen blieb. Sie war sich so sicher gewesen, dass heute etwas für sie mit der Post käme. Hatte Herr Müller nicht etwas von eigenartig gesagt? Sie blickte auf den kleinen blauen Handzettel, auf dem in geschwungenen silbernen Buchstaben stand:

Liebe Kinder,

unsere Taxis können euch an jeden Ort der Welt bringen. Wenn ihr Dinge sehen wollt, die anderen Menschen normalerweise verborgen bleiben, ruft uns einfach, und wir werden kommen.

Nachdenklich ging Julia ins Haus. Wie sollte man mit einem Taxi an jeden Ort der Welt kommen können? Vor ihrem geistigen Auge sah sie ein geflügeltes Taxi und musste leise lachen. Wäre toll, wenn es so etwas gäbe, aber um wirklich überall hinzugelangen, müsste es auch noch tauchen können. Gerade als sich das Bild in ihren Gedanken zu einem zeppelinartigen Gefährt verändert hatte, öffnete ihre Mutter die Küchentür.
„Haben wir Post?“
„Ja, der hier ist für Papa.“
Julia gab ihrer Mutter den Brief, und diese legte ihn seufzend auf die Schuhkommode.
„Sieht verdächtig nach einer Rechnung aus, und was ist denn das?“ Frau Schiller nahm ihrer Tochter den Zettel aus der Hand und runzelte die Stirn. „Das muss ein dummer Scherz sein. Kein Firmenname, keine Telefonnummer – nichts, bis auf diese reißerischen Zeilen.“
Ihre Mutter warf den Werbezettel in den Papierkorb und verschwand wieder in der Küche, während Julia ihren Anorak auszog und in ihr Zimmer ging. Das waren die langweiligsten Herbstferien ihres Lebens. Alle ihre Freunde waren verreist und hatten anscheinend so viel zu tun, dass sie ihr nicht einmal eine Postkarte schicken konnten. Sie blickte auf den Kalender und stellte fest, dass sie sich freute, dass die Schule in vier Tagen wieder anfing. Dann würde Julia endlich erfahren, was ihre Freunde alles unternommen hatten. Wäre die teure Reparatur am Haus nicht gewesen, wären ihre Eltern mit ihr eine Woche an die Nordsee gefahren …
Nein, es hatte keinen Sinn, sich vorzustellen, wie es dort gewesen wäre. Am besten überlegte sie, was sie mit den restlichen Ferientagen anfangen sollte. Ihr Vater sagte, dass das Leben nie langweilig wäre. Klar, ein Buch lesen oder auf den Spielplatz gehen konnte man immer, aber Julia hatte Lust, etwas Außergewöhnliches zu erleben. Ein richtiges Abenteuer halt. Sie dachte an den Zettel im Papierkorb und stand leise auf, um sich auf den Flur zu schleichen. Nachdem sie die Tür einen Spalt geöffnet hatte, spähte sie zur Küche. Gut, von ihrer Mutter war nichts zu sehen, so holte sie rasch den Zettel und kehrte in ihr Zimmer zurück. Julia wollte sich gerade die Rückseite anschauen, als ihre Mutter rief: “Das Mittagessen ist fertig.“
„Ich komme gleich!“, antwortete Julia und eilte, nachdem sie den Zettel in einem Buch versteckt hatte, in die Küche. Wie immer half sie, den Tisch zu decken, und setzte sich dann an ihren Platz. Es gab einen leckeren Nudel-Schinken-Auflauf, von dem das Mädchen zwei Teller aß.
„Ich fahre gleich einkaufen“, sagte Frau Schiller. „Möchtest du mitkommen?“
Julia schüttelte den Kopf.
„Ich werde in eines meiner Bücher schauen.“
Sie war stolz, dass sie mit diesen Worten ihre Mutter nicht direkt belogen hatte. Frau Schiller nickte zufrieden und begann, den Tisch abzuräumen. Bevor sie das Haus verließ, rief sie: „Wenn du doch noch auf den Spielplatz oder so willst, vergiss nicht eine Nachricht zu hinterlassen, wo ich dich finden kann.“
Nachdem sich die Haustür geschlossen hatte, ging Julia in ihr Zimmer. Sie nahm den Zettel aus dem Buch und drehte ihn um. Auf der Rückseite stand auch nichts. Vielleicht geheime Tinte? Sie versuchte sich daran zu erinnern, wie man unsichtbare Tinte wieder sichtbar machte, aber es fiel ihr nicht ein. Seufzend setzte sie sich auf ihr Bett und blickte aus dem Fenster. Der Garten hinter dem Haus war eine ebenso eintönige Rasenfläche wie der Vorgarten. An jeden Ort der Welt? Gerne wäre Julia nun an einem Strand mit Palmen und würde im warmen Sonnenschein nach Muscheln suchen.
„Lieber Taxifahrer“, flüsterte sie, „bitte bring mich an einen schönen Strand.“
Ein Lichtblitz blendete Julia, und sie blinzelte überrascht. Im Garten stand auf einmal ein silbernes Taxi, und es handelte sich nicht um ein gewöhnliches. Es sah aus wie einer der Oldtimer, die sie auf einem Festival gesehen hatte. Die elegant geschwungenen Seitenteile gewährten einen Blick auf die Räder und bildeten gleichzeitig eine Einstiegshilfe.
Das gibt es doch nicht, dachte das Mädchen, und um keine Zeit zu verschwenden, öffnete es das Fenster und kletterte hinaus. Als der Wind Julia frösteln ließ, kehrte sie schnell zurück, um ihren blauen Anorak zu holen. Nachdem sie ihn angezogen hatte, blickte sie sich im Garten um. Die Zäune waren alle unbeschädigt. War das Taxi etwa vom Himmel gefallen?
Vorsichtig näherte sie sich dem Wagen und sah, dass darin ein braunhaariger Mann saß, der Zeitung las. Die Überschrift lautete: Junge Drachen verhindern den Flugverkehr über Asien. Absolut sicher – das war ein Traum.
Der Mann blickte auf und lächelte. Wie ihr Vater hatte er freundliche blaue Augen, und Julia ertappte sich dabei, dass sie zu diesem Fremden sofort Vertrauen fasste, dabei hatte ihre Mutter ihr so oft eingeschärft, dass sie vorsichtig sein musste.
„Hallo, Julia, bist du startklar?“, fragte der Taxifahrer und legte die Zeitung auf den Beifahrersitz.
„Woher kennen Sie meinen Namen?“
„Die Zentrale meiner Taxi-Gesellschaft nimmt nur vertrauenswürdige Gäste auf. Darf ich mich vorstellen? Ich bin George, Fahrer des magischen Taxis 37.“ Er lächelte sie strahlend an.
Julia fielen fast die Augen aus dem Kopf.
„Des magischen Taxis?“
„Ja, wir können zwar jeden Ort der Welt erreichen, aber unsere Spezialität sind Reisen zu magischen Orten.“
Sie verstand immer noch nicht und stand da wie eine Schlafwandlerin, die plötzlich aufgewacht war und feststellte, dass sie vor einem Geist stand.
George lachte.
„Na, du weißt schon. Drachenhöhlen, Feenkreise, Einhornwälder und dergleichen.“
Julias Herz machte einen Satz. Wenn das sich nicht nach einem Abenteuer anhörte, was dann? Und wenn dies ein Traum war, konnte ihr nichts passieren. Hoffentlich wachte sie nicht plötzlich auf.
„Wie viel kostet eine Fahrt?“, fragte sie. „Das ist sicher unbezahlbar.“
„Nicht doch, ich komme selbst aus dem magischen Reich, da sind Dollars, Euros und Yens überhaupt nichts wert. Um ehrlich zu sein, habe ich mich auch lange dagegen gesträubt, so ein Taxi zu fahren, denn ich war früher ein Magier und habe die Kinder in meinen Hut reisen lassen.“
Julia starrte ihn an.
„Verstehe, dieser Gedanke ist wohl beklemmend, aber wie in der Flasche eines Dschinns ist da eine Menge Platz. Du weißt, was ein Dschinn ist, oder?“
„Ein Flaschengeist“, antwortete Julia.
„Richtig, so einen könnten wir besuchen. Vorher muss ich dich aber in die Zentrale bringen, um einige Formsachen zu erledigen. Das ist jetzt so Vorschrift.“ Er zuckte die Achseln, dann blickte er das Mädchen aufmerksam an. „Und möchtest du mit uns reisen?“
„Ja!“
„Wunderbar.“
George stieg aus, um ihr die Hintertür zu öffnen. Nachdem sie mit klopfendem Herzen eingestiegen war, stellte sie fest, dass die mit blauem Samt überzogene Rückbank fast so bequem wie ein Sessel war. Julia konnte der Versuchung nicht widerstehen und federte ein wenig auf und ab.
„Das ist das bequemste Auto, in dem ich je saß.“
„Ja, dieses Taxi hat seinen eigenen Charme“, antwortete George lächelnd und drehte den Zündschlüssel um.
Als wäre es ein Blatt, das vom Wind getragen wurde, erhob sich das Taxi in die Lüfte, ohne das geringste Geräusch von sich zu geben. Julia drückte die Nase an die Scheibe, um genauer beobachten zu können, wie die Häuser immer kleiner wurden. Bald konnte sie ihr Haus nicht mehr von den anderen unterscheiden und erkannte nur ein Netz von Straßen, das sich durch die Stadt zog.
„Das ist toll.“
Sie wollte das Fenster öffnen, bemerkte aber enttäuscht, dass es keine Fensterheber gab. In diesem Moment glitt die Glasscheibe herunter.
„Wir werden zwar erwartet, dennoch haben wir dafür einen Augenblick Zeit.“
Julia streckte ihren Kopf hinaus und fröstelte, als ein kalter Wind ihre Wangen streifte. Da er unangenehm war, setzte sie sich wieder normal hin, und die Fensterscheibe glitt hoch. Danach beschleunigte George. Sie flogen in steilem Winkel zum Himmel empor. Julia wurde sanft in die Rückwand gepresst, und ihr kam es vor, als säße sie in der riesigen Schiffsschaukel im Vergnügungspark. Ein Jauchzer der Freude entfuhr ihr. So einen wunderbaren Traum hatte sie noch nie gehabt.
„Wir durchbrechen gleich die Wolkendecke und fliegen die Zentrale an“, sagte George.
Sie blickte nach oben, und im nächsten Moment wurde alles weiß, bis sie aus den Wolken herausschossen und Julia eine silberne Kuppel erblickte. Das musste die Zentrale sein. Sie schwebte einfach im Himmel.
„Die ist ja riesig. Wieso weiß niemand, dass so etwas über der Stadt fliegt?“
George lachte.
„Dank eines Tarnzaubers ist die Zentrale für andere unauffindbar. Wir können sie nur sehen, weil das Taxi den gleichen Tarnzauber besitzt. Nachdem sie uns aufgenommen hat, wird die Zentrale ihren Platz wechseln, um keine Gefahr für eure Flugzeuge zu sein.“
George steuerte eine Öffnung in der Kuppel an, und das Taxi sank langsam herab. Wieder rutschte Julia näher an das Fenster, um alles besser betrachten zu können. Das Innere der Kuppel erinnerte sie an eine Kathedrale. Die Wände waren aus weißem Marmor und mit verschiedenen Wesen der Mythenwelt verziert. Am Boden erkannte sie ein paar andere Taxis, die um ein Podest standen, und auf dem Podest selbst saß ein großer weißer Hase mit langen, sehr langen Ohren.
„Das ist Finn, er nimmt die Rufe der Kinder entgegen.“
Nachdem sie zwischen zwei anderen Taxis gelandet waren und George ihr die Tür geöffnet hatte, lief Julia zum Podest.
„Danke, Finn, dass du mir George geschickt hat.“
„Nichts zu danken, Julia. Du solltest nun lieber schnell zu Kefira gehen.“
„Du sprichst ja!“
„Alle Sprachen der Welt, wie sollte ich sonst die Kinder verstehen?“
„Gib nicht so an, Finn!“ George stellte sich neben Julia, während die rosafarbene Nase des Hasen aufgeregt zuckte.
„Habe ich nicht jedes Recht dazu? Immerhin habe ich die Sprachen alle gelernt und nicht einfach einen Zaubertrank getrunken oder ein Übersetzungsamulett um.“
Plötzlich richteten sich seine Ohren auf.
„Ruft noch ein Kind?“, wollte George wissen.
Die Ohren sanken herab.
„Nein, es hat den Zettel zerknüllt. Die Kinder dieser Zeit sind wirklich schwierig. Ihr seid ja immer noch hier!“
„Wir gehen schon.“ George nahm Julia am Arm, und sie ließ sich von ihm durch die geräumige Halle führen.
„Wer ist denn Kefira?“
„Unsere Zeitmagierin, die großen Wert auf Pünktlichkeit legt. Und damit du dich nicht erschreckst, verrate ich dir schon jetzt, dass sie eine Chimäre ist.“
„Chimäre?“
„Ja, das ist ein Mischwesen, das ihr vor allem aus der griechischen Sagenwelt kennt. Harpyien, Gorgonen, Basilisken und viele mehr gehören zu dieser Gattung. Kefira selbst hat Merkmale von Vogel, Mensch und Löwe. Eine beeindruckende Gestalt, aber im Herzen genauso freundlich wie Finn.“
Durch einen Torbogen betraten sie einen Raum, in dem nur ein Tresen und ein paar Pflanzen standen. Hinter dem Tresen wartete Kefira auf sie. Julia war erleichtert, dass Gesicht und Oberkörper menschlich waren. Statt Haaren besaß sie jedoch lange orange Federn, und als die Chimäre hervortrat, sah das Mädchen, dass der Rumpf in einen Löwenkörper überging.
„Hallo, Julia, willkommen in der Zentrale der magischen Taxis. Bevor du unseren Service nutzen kannst, müssen noch einige Dinge erledigt werden. Zum einen musst du die Regeln unseres Unternehmens befolgen.“
„Welche Regeln?“
Kefira reichte ihr ein Blatt Papier, und Julia las es:

Die drei Regeln der Himmelszentrale

Befolge die Anweisungen des Taxifahrers und bleibe in seiner Nähe. Erforsche nichts auf eigene Faust.

In unserer Welt wirst du einen Begleiter haben, und du solltest immer auf seinen Rat hören.

Nehme nie das Stundenamulett ab, denn es sorgt dafür, dass du rechtzeitig nach Hause kommst und verhindert, dass Zauber oder Tränke dich beeinflussen.

Als Julia das Blatt gelesen hatte, sagte Kefira eindringlich: „Diese Regeln dienen deinem eigenen Schutz. Wirst du sie befolgen?“
Das Mädchen stimmte zu.
„Gut, dein Wort genügt mir.“
Die Chimäre kehrte zu ihren Platz hinter dem Tresen zurück, und Julia hörte, wie sie eine Schublade öffnete, dann winkte Kefira sie heran, um ihr eine silberne Kette zu reichen, an der ein kleines Stundenglas hing.
„Das ist das Stundenamulett, das in den Regeln erwähnt wird. Nachdem du es umgelegt hast, kannst auch nur du es wieder abnehmen.“
Julia legte sich das Schmuckstück um, und Kefira lächelte.
„Nun haben wir alle Zeit der Welt, und du könntest theoretisch Jahre bei uns verbringen, ohne dass bei dir Zuhause ein Augenblick vergeht.“
Erstaunt schaute Julia auf ihre Armbanduhr und sah, dass der Sekundenzeiger sich nicht bewegte. Die Uhr zeigte 12 Stunden, 34 Minuten und 57 Sekunden an, und auch der Sand im Stundenamulett rieselte nicht weiter.
„Heißt das, die Zeit in meiner Welt steht still?“
Kefira schüttelte den Kopf.
„Nein, du selbst bist in eine andere Zeit – in unsere – gewechselt, aber wenn du nun die Erde sähest, könntest du den Eindruck bekommen, die Zeit bei dir stehe still. Möchtest du noch etwas wissen?“
Stumm schüttelte Julia den Kopf, und die Chimäre deutete auf die Glasschale auf dem Tresen. In ihr lagen erbsengroße Samen, die bunt wie Smarties waren.
„Such dir einen aus.“
Die Samen sahen bis auf die Farbe alle gleich aus, so blickte Julia verunsichert zu George, aber der schaute fort, als wäre es unständig, ihr bei der Wahl zu zusehen.
„Ist irgendeine Farbe besonders gut?“, fragte sie Kefira.
„Nein, sie spielt keine Rolle. Wenn du dir selbst einen Samen aussuchst, wird es der richtige für dich sein. Wenn du willst, kannst du auch mit geschlossenen Augen wählen.“
Schade, dass keine regenbogenfarbigen dabei sind, dachte Julia und nahm einen hellblauen Samen aus der Schale.
„Wunderbar.“ Kefira legte den Samen in Julias Schatten und fuhr fort: „Ich werde jetzt eine Zauberformel sprechen.“
Die Chimäre murmelte einige Sätze in einer fremden Sprache, und aus dem Samen spross eine Pflanze mit hellblauer Knospe. Sie wuchs, bis sie Julia bis zu den Knien reichte. Dann begann die Knospe zu leuchten, und im nächsten Moment verschwand die gesamte Pflanze in einem Funkenregen aus Licht. Statt ihrer lag ein weißes Eichhörnchen in Julias Schatten. Es hatte die Augen geschlossen und schien fest zu schlafen. Leise ging das Mädchen in die Knie.
„Oh, wie süß. Von so nah hab ich noch nie ein Eichhörnchen gesehen.“
„Das wird dein Begleiter und Freund sein, allerdings braucht er noch einen Namen, den du ihm geben musst.“
„Einen Namen?“
Bei diesen Worten wachte das Eichhörnchen auf und schaute Julia neugierig aus bernsteinfarbenen Augen an. Sofort wusste sie, dass das Eichhörnchen ein Weibchen war, und ihr fiel ein Name ein.
„Ich werde dich Ayla nennen.“
„Ayla? Der Name gefällt mir“, antwortete das Eichhörnchen und sprang auf ihre Schulter. „Lass uns gute Freunde werden.“
Sanft berührte Julia das seidenweiche Fell ihres Begleiters und lächelte.
„Ja, das werden wir bestimmt werden.“
George seufzte: „Da alles geklärt ist, können wir endlich losfahren. Finn sagte, dass du an einen Strand möchtest.“
„Heute ist das Fest der Meerjungfrauen und Dryaden“, meinte Ayla. „Das findet an einen Strand statt.“
George grinste.
„Gute Idee.“
„Einen Moment noch“, unterbrach Kefira das Gespräch und warf dem Taxifahrer einen strengen Blick zu. „Du hast wieder getrödelt, als du sie hergebracht hast. Du weißt, dass meine Mutter eine Sphinx war …“
„Und dein Vater ein Greif. Eine wirkliche wunderbare Mischung.“
„Versuchst du mir zu schmeicheln, George? Das funktioniert bei mir nicht.“
„Das weiß ich, aber man muss den Kindern erklären, was auf sie zukommt, und der Flug zur Zentrale war toll, nicht wahr, Julia?“
Als das Mädchen nickte, stieß Kefira einen Seufzer aus.
„Na schön“, sagte sie dann und wandte sich an Julia. „Viel Spaß auf deiner ersten Reise.“
Während sich die Chimäre wieder ihren Papieren widmete, gingen die drei zum Taxi zurück.
„Sag mal, Ayla, du bist doch gerade erst geboren worden. Woher wusstest du, dass heute das Fest der Meerjungfrauen und Dryaden ist? Hast du das gehört, als du noch im Samen warst?“
„Nein, ich habe das Wissen über die magische Welt von meiner Mutter geerbt.“ Das Eichhörnchen zwinkerte. „Sonst wäre ich dir ja auch kein guter Ratgeber.“
„Unglaublich, wenn das bei den Menschen auch so wäre, müssten wir nicht zur Schule gehen und hätten mehr Zeit zum Spielen.“
„Da bin ich mir nicht so sicher“, meinte George, „außerdem warst du nicht schon mal stolz auf eine gute Note?“
„Schon, trotzdem finde ich ein paar Fächer schwierig.“
„Denke jetzt nicht ans Lernen.“ George öffnete die Tür, und nachdem Julia eingestiegen war, nahm er selber auf dem Fahrersitz Platz.
„Bist du bereit, Julia?“
„Und wie.“
„Gilt das auch für dich, George?“, fragte Ayla, und der Taxifahrer drehte sich mit hochgezogenen Augenbrauen zu ihnen um.
„Wie meinst du das?“
„Hast du Ohrstöpsel dabei?“
Er lachte.
„Die Dryaden werden schon darauf achten, dass ihre Schwestern aus dem Meer keinen Schabernack mit mir treiben.“
George drückte einen blauen Knopf, und im nächsten Moment umgab helles Licht das Taxi. Als es verschwand, standen sie an einen Wald und zu ihrer Linken rauschte das Meer.

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