Amara – Prinzessin des Feuerlandes

Kapitel 1: Der Totai-Indianer

Weit draußen im azurblauen Ozean, wo sich selbst die mutigsten Seeleute nicht hintrauten, lag eine geheimnisvolle Insel, deren Schicksal eng verknüpft mit einem magischen Geschöpf war. Alle 500 Jahre kam der Phönix hierher, um zu sterben und wiedergeboren zu werden. Die Inselbewohner verehrten den Feuervogel, weil seine Magie die Insel Nuri fruchtbar machte.
Über Nuri herrschte seit fast 2000 Jahren eine Königin, die jung und schön blieb. Da sie außerdem über Zauberkräfte verfügte, glaubten Hof und Volk, dass Königin Jandra eine Göttin war. In Amaras Herz jedoch hatten sich Zweifel geschlichen und so sich die Prinzessin bemühte, es gelang ihr nicht sie zu vertreiben. Etwas schien nicht zu stimmen, und das Schreckliche war, sie hatte noch nicht einmal Hinweise, die dieses Gefühl rechtfertigten.
„Prinzessin“, sagte eine Stimme, und Amara drehte den Kopf zur Tür. Im Türrahmen stand ihre Maid und knickste.
„Ich habe meine Meinung nicht geändert.“
„Aber Prinzessin, selbst Eure Mutter wird sich das Theaterstück ansehen.“
„Ich will nicht.“ Prinzessin Amara wandte sich von ihrer Maid ab und trat an das Fenster. „Theaterstücke ansehen, Musik hören und Bücher lesen – wieso ist das alles, was ich darf? Als Kind durfte ich nicht einmal rennen oder auf Bäume klettern. Das Einzige, was ich darf, ist anderen beim Leben zuzusehen. Das ist nicht gerecht.“
„Prinzessin“, sagte Lyra, „Ihr seid wertvoller als alle Kostbarkeiten dieses Königreichs zusammen.“
Amara schloss die Augen. Vor Jahren hatte sie das das erste Mal von ihrer Mutter gehört, und es hatte sie getröstet. Nun stimmten diese Worte sie nur noch traurig. Die Prinzessin würde bald fünfzehn Jahre alt werden und hatte nie etwas tun dürfen, bei dem sie sich verletzen hätte können.
„Sage meiner Mutter, ich ziehe die Echtheit unseres Gartens jedem Schauspiel vor.“
„Wie Ihr wünscht.“
Die Prinzessin verließ ihr Gemach. Weil es nur eine Tür besaß, die sich zum Garten der Königin hin öffnete, befand sie sich gleich am Ziel. Unauffällig folgten ihr vier Männer. Zwei von ihnen waren Wachen und die anderen zwei Ärzte. Amara unterdrückte ein Seufzen und ignorierte sie. In der Abendsonne leuchteten die Blumen in all ihrer Pracht, und summend flogen Bienen von Blüte zu Blüte. Eigentlich war es seltsam, dass ihre ansonsten übervorsichtige Mutter keinen Insektenstich fürchtete und sie in den Garten ließ. Aber wahrscheinlich lag es daran, dass Königin Jandra selber eine Imkerei besaß. Ihre Mutter konnte ohne Schutz die Bienenkörbe öffnen und war niemals in ihrem Leben gestochen worden.
Der Weg führte zu einer der unzähligen Statuen ihrer Mutter, die im ganzen Palast verteilt waren. Diese jedoch war drei Mal so groß wie ein Mensch und bildete den Mittelpunkt des Gartens. Zu ihren Füßen stand eine steinerne Bank, und Amara setzte sich. Nachdem sie ihr blaues Kleid glatt gestrichen hatte, blickte sie zum großen Balkon gegenüber. Von dort hatte ihre Mutter sie früher beobachtet. Kurz bevor die Prinzessin zwölf Jahre alt geworden war, hatte sie damit aufgehört. Amaras Hände ballten sich zu Fäusten. Wenige Wochen danach war ihre Amme gegangen. Der Mensch, der ihr vertrauter gewesen war als die eigene Mutter. Noch heute spürte Amara den Verlust, und sie verstand nicht, warum Juna sie nicht besuchte oder wenigstens einen Brief schrieb. Wenn sich die Prinzessin nur davonschleichen könnte, um nach Juna zu sehen. Abgesehen von ihrer Tür und jener, die zum Flügel der Königin führte, gab es noch eine weitere an der Seite des Gartens. Sie wurde von den Dienstboten benutzt. Einen Moment war Amara versucht aufzuspringen und hinzulaufen, doch ihre Wachen hätten sie wieder eingefangen und wären dazu noch von ihrer Mutter bestraft worden. Auch wenn die Prinzessin in Begleitung die Bibliothek oder den Theatersaal aufsuchen durfte, hatte sie mittlerweile begriffen, dass dieser Garten in Wirklichkeit ein goldener Käfig war. Er sollte sie von allen Schädlichen schützen, aber gleichzeitig schirmte er sie auch vom Leben selbst ab. Sie hatte nie ein Fuß außerhalb des Palastes gesetzt, geschweige denn etwas von der Insel Nuri gesehen.
Drei Vögel flatterten herab und ließen sich neben ihr nieder. Das erste Mal an diesem Tag lächelte Amara.
„Schön, dass ihr hier seid.“
Diese Vögel – ein roter Papagei, ein Goldglanz-Spatz und ein Käuzchen – waren ihre besten Freunde. Seit ihrer ersten Begegnung vor acht Jahren war sie sicher, dass sie Boten des Phönix waren. Anders konnte Amara sich dieses seltsame Gespann nicht erklären. Aus Büchern wusste sie, dass Käuzchen tagsüber schliefen, Goldglanz-Spatzen sehr scheu waren und Papageien im Dschungel lebten.
„Prinzessin, es wird allmählich kühl. Ihr solltet wieder reingehen“, sagte Jiro, einer der beiden Ärzte.
Amara nickte und kehrte in ihr Gemach zurück, während die Wachen ihre Stellung an der Tür einnahmen und die Ärzte in ihr Quartier nebenan gingen. Ihre Maid erwartete sie bereits mit dem Abendessen, das sie immer alleine einnahm, denn die Königin duldete nicht, dass sie mit den anderen Adeligen aß. Es gab Pfannkuchen mit Sirup und frisches Brot mit Käse. Nachdem sie gegessen hatte, zerbröselte die Prinzessin das restliche Brot, um es ihren Freunden zu geben. Lächelnd sah sie zu, wie Goldglanz-Spatz Finja und Papagei Kikki es aufpickten. Camiro dagegen verschmähte die vegetarische Kost.
„Tut mir leid, Camiro, für dich war nichts dabei.“
Enttäuscht sah er sie aus großen, gelben Augen an, dann flog er leise davon, um selber jagen zu gehen. Seufzend stellte Lyra das Geschirr auf das Tablett zurück und brachte es fort.
Prinzessin Amara warf einen Blick auf ihr Lieblingsbuch „Der Phönix“, das immer auf ihren Nachtschrank lag. Obwohl sie den Text und die Bilder genau kannte, konnte sie sich nicht davon trennen. Es war ihr bestimmt, den Phönix bald zu heiraten. Die Prinzessin freute sich auf diesen Tag, auch wenn sie den Feuervogel nicht kannte – ja ihn noch nicht einmal gesehen hatte. In ihren Träumen ließ er sie auf seinen Rücken steigen und zeigte ihr die Welt. Nun, wo sie älter geworden war, war Amara sich nicht sicher, ob er das wirklich tun würde. Aber auf jeden Fall würde er ihr Leben verändern.
Lyra kehrte zurück und seufzte erneut, als sie sah, dass die Vögel noch immer da waren. Sie öffnete das Fenster.
„Hinaus mit euch!“, sagte sie streng, und Amaras Freunde gehorchten. Es tröstete die Prinzessin, dass sie im Baum vor ihrem Fenster schlafen würden.
Nachdem Lyra Amara umgezogen hatte, bat sie die Prinzessin vor dem Spiegel Platz zu nehmen, um ihr langes, blondes Haar zu bürsten. Im Schein der Kerzen trat der leichte Rotschimmer stärker als sonst hervor, und Amara lächelte. Ihre Amme hatte diesen Schimmer Kuss der Flammen genannt. Die Augen der Prinzessin dagegen waren blau wie der weite Himmel. Genau hundert Mal strich Lyra mit der Bürste durch ihr Haar, bevor sie sie weglegte und die Haare zu einem losen Zopf flocht, damit sie in der Nacht nicht verkletteten.
„Fertig, Prinzessin. Es ist Zeit für Euch schlafen zu gehen.“
Widerspruchslos kroch Amara unter die Bettdecke und kuschelte sich in das Kissen, während Lyra die Kerzen löschte. Ihre letzten Gedanken galten dem Phönix.
„Bitte befreie mich“, wisperte sie und schlief ein.

Auf einmal stand Amara auf einer schmalen Treppe und sah sich verwirrt um. Überall im Schloss hingen Gemälde oder standen Skulpturen, doch hier waren die Wände kahl, und sie fror. Führte diese Steintreppe in ein Gewölbe im Keller?
„Bitte hilf mir!“, rief eine Stimme leise aus der Tiefe. Durch das Echo klang die Stimme verzerrt, dennoch konnte Amara die Verzweiflung in ihr erkennen. Langsam ging sie die Treppe hinab und stellte fest, dass es immer kälter wurde. Dann rutschte sie fast aus. Bei näherem Hinsehen erkannte sie, dass die Stufen vereist waren. Die Prinzessin runzelte die Stirn. Auf der Insel gab es normalerweise kein Eis. Die einzige Person, die Gegenstände vereisen konnte, war ihre Mutter, die Königin. Warum sollte sie eine Treppe vereisen? Wollte sie nicht, dass jemand erfuhr, was sich unten befand? Wenn Amara weiterging, bestand die Gefahr, dass sie sich das Genick brach, falls sie ausrutschen sollte. Anderseits war dies nur ein Traum, und ihr konnte nicht wirklich etwas Schlimmes passieren.
„Hilf mir bitte!“, rief die Stimme wieder.
Amara konnte nicht sagen, ob die Worte von einer Frau oder einem Mann stammten, aber ihr Klang war wohlklingend wie die Melodie einer Flöte. Wenn es in ihrer Macht stand, wollte sie der Person helfen, zu der die Stimme gehörte. Vorsichtig ging sie weiter, obwohl es immer schwerer wurde, das Gleichgewicht zu halten. Auch die Wände waren vereist, und ihr Atem bildete weiße Wölkchen. Dann machte sie einen falschen Schritt, rutschte aus und stürzte in die Dunkelheit.

Schwer atmend schlug die Prinzessin die Augen auf und bemerkte, dass sie aufrecht in ihrem Bett saß. Draußen ertönte der Ruf eines Käuzchens und beruhigte ihr pochendes Herz. Natürlich. Es war nur ein Traum gewesen, dennoch hatte Amara das Gefühl, dass er ihr etwas Wichtiges sagen sollte. Der Klang der rätselhaften Stimme war ihr lebhaft in Erinnerung geblieben, und Amara war davon überzeugt, dass sie ihn nie vergessen würde. Sie legte sich zurück und fragte sich, ob der Traum wiederkehren würde. Würde sie es dann schaffen, das Ende der Treppe zu erreichen? Sie schloss die Augen, doch obwohl Amara bald in tiefen Schlaf fiel, träumte sie nichts mehr.
Am nächsten Morgen wurde sie vom Gesang des Goldglanz-Spatzes geweckt. Amara wischte sich den Schlaf aus den Augen und richtete sich auf. Danach schwang sie sich aus dem Bett und ging zum Fenster, um es zu öffnen. Sofort landeten die drei Vögel auf der Fensterbank.
„Guten Morgen, meine Freunde.“
Sie kraulte das verschlafen dreinblickende Käuzchen und lächelte.
„Du bist ja ganz müde. Gehe schlafen und träume etwas Schönes.“
Leise gurrte das Käuzchen und flog zu seiner Höhle im Baum, während Amara zu den anderen beiden sagte: „Ich hatte heute Nacht einen seltsamen Traum.“
Das Goldglanz-Spätzchen setzte sich auf ihre Schulter und legte den Kopf schräg, als wollte es mehr hören. Amara lachte.
„Ich werde ihn euch später erzählen.“
Damit schienen sich ihre Freunde nicht abfinden zu wollen und begannen sie auffordernd zu umkreisen. Was für geschickte Flieger sie waren! Der Anblick stimmte Amara fröhlich. Sie breitete die Arme aus und begann sich im Kreis zu drehen. Immer schneller und schneller wurden ihre Bewegungen und ihr wurde schwindelig.
„Ach, ich wünschte, ich hätte Flügel. Fliegen muss wunderschön sein.“
Sie lachte und dachte daran, dass ihre Hochzeit mit dem Phönix nicht mehr fern war.
„Prinzessin, was tut Ihr da? Wollt Ihr stürzen und Euch verletzen?“
Erschrocken hielt Amara inne. Vor ihr stand Lyra mit finsterem Blick. Beschämt schlug die Prinzessin die Augen nieder, war aber gleichzeitig wütend. Das durfte sie nicht, jenes durfte sie nicht … Sie konnte es nicht mehr hören! Also wandte sie sich ab. Zum Glück verzichtete Lyra auf weitere Belehrungen.

Am Abend trat überraschenderweise eine Wache in Amaras Gemach, und der Prinzessin sank das Herz. Hatte Lyra verraten, dass sie ein wenig übermütig gewesen war? Die Königin würde sie schelten und vielleicht sogar bestrafen. Amara wusste, dass ihre Mutter die drei Vögel nicht besonders mochte. Die Königin konnte anordnen, dass man ihre einzigen Freunde verscheuchte. Trotzdem versuchte sich Amara ihre Furcht nicht anmerken zu lassen und lächelte.
„Sei gegrüßt, weswegen schickt meine Mutter dich?“
Nachdem der Wachmann sich verbeugt hatte, sprach er: „Königin Jandra sagt, wenn Ihr „Echtheit“ sehen wollt, solltet Ihr jetzt in den Thronsaal kommen.“
Verwirrt musterte Amara ihn, doch sein Gesichtsausdruck verriet nichts. Auch schien er nicht gewillt, noch etwas zu sagen. Was hatte ihre Mutter vor? Auf jeden Fall hatte ihr Verhalten sie verärgert.
„In Ordnung, ich komme mit.“
Rasch zog sie sich einen Mantel über und folgte dem Mann. Ihre beiden eigenen Wachen bildeten die Nachhut. Im Thronsaal hatte sich der ganze Hof versammelt. Als Amara eintrat, bildeten die Adeligen sofort eine Gasse, um sie durchzulassen.
Schön und unnahbar saß ihre Mutter auf dem Thron. Das lange, schwarze Haar hatte sie sich hochstecken lassen und Edelsteine funkelten darin wie Sterne am Nachthimmel. Niemand – auch nicht ihre eigene Tochter – durfte sie ansprechen. Jeder Mensch musste warten, bis die Königin das Wort an ihn richtete. Als Jandra Amara erblickte, verengten sich die grünen Augen. Warum freute sich ihre Mutter nie sie zu sehen? Dieses Verhalten fühlte sich einfach falsch an.
„Amara, meine Tochter.“
„Eure Herrschaft wird ewig währen“, antwortete die Prinzessin und knickste.
Ihre Mutter stieß einen tragischen Seufzer aus.
„Da dich Theater-Aufführungen nicht begeistern, darfst du heute anwesend sein, wenn ich einen ungewöhnlichen Besucher empfange. Komm an meine Seite.“
Neugierig geworden gehorchte Amara, und ihre Mutter nickte zufrieden. Dann klatschte sie in die Hände, und ein Junge mit bronzefarbener Haut wurde von zwei Wachen hereingeführt. Er trug nichts als ein Lendenschutz und flache Schuhe aus grobem Leder.
„Es ist skandalös, so am Hof zu erscheinen!“, rief eine junge Adelige und fächelte sich Luft zu.
“Was erwartest du denn von einem Barbaren?“, fragte ihr Begleiter sie. Seine nächsten Worte gingen im Sturm der Entrüstung unter, der nun ausbrach. Einzig die Königin und Amara waren still. Ihre Mutter ließ sich nie zu Gefühlen hinreißen, und die Prinzessin war wirklich an den Fremden interessiert. Sie hatte noch nie so dunkle Haut gesehen, und seine Arme waren von einigen Tätowierungen bedeckt. Ein echter Totai-Indianer, dachte sie erstaunt, und nicht viel älter als ich. Was machte er hier? War er ganz alleine vom Dschungel in die Stadt gekommen? Der Junge hatte dichtes, schwarzes Haar. Es fiel ihm auf die Schultern, und ein rotes Stirnband verhinderte, dass es ihm die Sicht nahm. Die dunkelbraunen Augen leuchteten vor Stolz. Ohne Scheu blickte er die Königin und Amara an. Die Prinzessin schämte sich, dass die adeligen Damen immer noch hinter ihren Fächern tuschelten.
„Behandelst du so Botschafter, die in friedlicher Absicht kommen, Königin Jandra?“, fragte er.
„Botschafter? Ich bin die Herrscherin der ganzen Insel. Wie kann es da Botschafter geben?“
„Die Bewohner dieser Stadt haben es vielleicht vergessen, aber du bist keine Göttin. Daran soll ich dich erinnern, und die Herrin meines Stammes bist du auch nicht.“
Einen Augenblick erstarrten die Züge ihrer Mutter, dann lachte sie und erhob sich.
„Was soll ich sonst sein? Ich bin unsterblich und besitze Zauberkräfte. Das sind die Beweise meiner Göttlichkeit, doch einen unwissenden Barbaren wie dir sollte ich eine Kostprobe meiner Macht zeigen.“
Der Kristall an der Spitze des goldenen Zepters begann zu glühen, als die Königin es auf den Boden richtete. Augenblicklich schoss dort ein Baum aus Eis hervor. Mit den vielen Zweigen und Blättern wirkte er so echt wie jeder anderer Baum.
„Wenn du klug bist, ehrst du mich wie der Rest des Volkes.“
Der Hof sank auf die Knie und stimmte einen Lobgesang auf die Königin an. Als kleines Kind war Amara davon beeindruckt gewesen. Heute erschien es ihr peinlich und lächerlich. Keiner der Adeligen konnte wirklich singen. Auch der Indianer sah aus, als hörte er ein Konzert von Krähen, dennoch war er klug genug nicht zu lachen. Amara kannte keinen, der es wagte, ihre Mutter zu verspotten. Trotzdem war sie sich sicher, dass derjenige sein Verhalten bereuen würde.
Als sich die Königin setzte, verstummte der Chor. Jandra wandte sich wieder an den jungen Boten.
„Wilder, man sagt von deinem Volk, dass ihr hervorragende Traumdeuter seid. Heute Nacht träumte ich etwas Rätselhaftes. Auf meiner Hand saß ein wunderschöner, kleiner Vogel, der lieblich sang. Plötzlich flog er davon und mit ihm verschwand das Tageslicht. Was hat das zu bedeuten?“
Der Indianerjunge lächelte.
„Dieser Traum kündigt an, dass deine Herrschaft enden wird.“
Die Augen ihrer Mutter verengten sich und wurden eiskalt.
„Werft ihn ins Gefängnis!“
„Die Erinnerungen der Flammen kann niemand auslöschen!“, rief der Junge, als die Wachen ihn fortzerrten. „Und man kann Feuer nicht einsperren! Wenn du ein Gewissen hättest, hättest du es längst wieder freigelassen.“
„Was wird mit ihm geschehen?“, fragte Amara mit klopfenden Herzen.
„Keine Sorge, nach einer Nacht im Gefängnis wird er lernen, wie man mit einer Königin spricht.“ Die Stimme ihrer Mutter war so kalt, dass Amara erschauderte. Sie fuhr zusammen, als Jandra aus dem Augenwinkel einen Blick auf sie warf. „Du kannst ebenfalls gehen.“
„Jawohl, Mutter.“
Erleichtert ließ sich Amara in ihr kleines Reich zurückbringen, während sie sich fragte, warum ihr Herzschlag sich nicht beruhigte. Hatte sie Angst um ihre Mutter? Oder fürchtete sie um den fremden Jungen? Was hatte er gemeint, als er von den Erinnerungen der Flammen gesprochen hatte? Die Königin hatte ihn verstanden, sonst wäre sie nicht so wütend geworden. Plötzlich musste die Prinzessin an ihren eigenen Traum denken.
„Wachen!“, rief sie und wartete, bis die Männer in ihr Gemach eingetreten waren. „Ich möchte mir von dem Jungen auch die Träume deuten lassen. Bringt mich zu ihm.“
Unsicher wechselten die beiden einen Blick, und Amara wurde klar, dass sie sie schnell überzeugen musste. Ansonsten würden sie vorher ihre Mutter um Erlaubnis fragen, und die Prinzessin spürte, dass sie es verbieten würde.
„Worauf wartet ihr? Der Junge ist eingesperrt, also kann er mir nichts tun. Verschwendet mit eurem Zögern nicht meine und vielleicht noch die kostbare Zeit meiner Mutter.“
„In Ordnung“, sagte der ältere Wachmann namens Joe.
Peron widersprach entsetzt: „Hey, das kannst du nicht alleine entscheiden!“
„Brennst du nicht ebenfalls darauf ihr den äußeren Palast zu zeigen, bevor sie den Phönix heiratet und uns verlässt?“
„Schon“, murmelte Peron und wirkte unentschlossen.
„Ich für meinen Teil nehme dafür gerne Bestrafung auf mich.“ Joes Stimme klang voller Groll, und fassungslos begriff Amara, dass er ihr galt. Was hatte sie ihm getan, und wieso benahm sich auch Peron so seltsam?
„Du hast recht“, sagte Peron schließlich.
„Dann sind wir uns einig.“ Joe wandte sich wieder an die Prinzessin. „Wir geleiten Euch unter einer Bedingung zum Gefängnis.“
„Welche?“
„Ihr werdet niemals mit jemanden über das reden, was Ihr sehen werdet. Außerdem werdet Ihr uns keine Fragen stellen.“
Überrascht sah Amara Joe an. Das klang nach einem schrecklichen Geheimnis. Oder wollte er ihr nur Angst machen?
Die Prinzessin nahm ihren Umhang.
„Lasst uns gehen“, flüsterte sie.
„Wie Ihr wollt.“
Es war das erste Mal, dass sie den Weg zum Gefängnis einschlug. Sie verließen den Teil des Palastes, in dem die Adeligen wohnten, und kamen auf einen staubigen Hof. Da es bereits später Abend war, war niemand sonst unterwegs. Die Augen der Prinzessin gewöhnten sich an die Dunkelheit, und sie bemerkte, dass sich ihnen gegenüber das Fallgitter zur Stadt befand. Amara zog scharf den Atem ein. Wie oft hatte sie davon geträumt, die Stadt zu besuchen, und nun war sie so nah. Links und rechts erkannte Amara die Umrisse von flachen, lang gestreckten Gebäuden. Sie gingen auf das Linke zu.
„Wie groß das Gefängnis ist“, staunte die Prinzessin.
„Nicht doch, das Gefängnis ist darunter. Im Gebäude selbst leben Wachen, Diener und ihre Familien.“
Sie betraten das Gebäude durch einen Seiteneingang, dann folgten sie einen kurzen Gang und standen vor einer eisenbeschlagenen Tür. Sie quietschte, als Joe sie öffnete, und abgestandene Luft schlug ihnen entgegen. Amara drehte sich der Magen um. Sie erblickte eine steinerne Treppe, die nach unten führte. Konnte es die aus ihrem Traum sein?
„Habt Ihr es Euch anders überlegt, Prinzessin?“
„Nein.“
Amara raffte ihr Kleid und begann, die Treppen herabzusteigen. Die Luft war kalt und feucht. Auf einem Mal war sich die Prinzessin sicher, dass selbst ihre Mutter noch nie hier unten gewesen war. Nach einem scheinbar langen Abstieg standen sie vor einer weiteren Tür.
„Willkommen im Gefängnis“, sagte Joe und öffnete die Tür.
Neugierig sah Amara sich im Vorraum um. In der Mitte standen ein Tisch und zwei Stühle. An den Wänden lehnten teils vermoderte Truhen. Die Gefängnisschlüssel entdeckte sie an einen Haken neben der gegenüberliegenden Tür. Danach schaute die Prinzessin unwillkürlich zur Decke. Sie befanden sich viele Meter unter der Erde.
Joe bemerkte ihren Blick und lächelte dünn.
„Wenn Euch hier etwas zu stoßen sollte, würde niemand Eure Schreie hören.“
„Hör auf, ihr Angst zu machen. Keine Sorge, Prinzessin, auch wenn man oben nichts von hier hören kann, seid Ihr bei uns sicher.“
Der ältere Mann wirkte enttäuscht, und Amara wollte sein seltsames Verhalten nicht länger schweigend hinnehmen.
„Was ist los mit dir, Joe? So habe ich dich noch nie erlebt.“
Er antwortete nicht, sondern öffnete die gegenüberliegende Tür mit dem Schlüsselbund vom Haken.
„Das ist keine Frage über das, was ich sehe, oder?“
„Hm, gerissen, doch ich werde später antworten.“
Amara begriff, dass er nicht nachgeben würde, und folgte ihm durch die Tür. Zu beiden Seiten waren Gefängniszellen, und die Luft erschien noch klammer.
„Ich hoffe, dass meine Mutter den Jungen gleich morgen früh freilässt, sonst wird er bestimmt krank werden“, flüsterte die Prinzessin und spähte beunruhigt in die ersten Zellen. Sie waren leer, und eine seltsame Stille lag über den Ort. War es möglich, dass der Junge der einzige Gefangene war? Ihr Verdacht bestätigte sich. Sie mussten bis zum Ende des Ganges gehen, um den Jungen zu finden. Mit dem Rücken saß er an das Gitter gelehnt und schien zu schlafen.
„Hey, aufwachen! Du hast Besuch.“
Langsam erhob sich der Junge und drehte sich um. Er musterte Amara wortlos, die nicht wusste, was sie zu ihm sagen sollte. Stattdessen wandte sie sich an Peron.
„Bitte zünde die Fackeln in den Halterungen an.“
Joe aber winkte ab.
„Vergiss es, Peron, sie sind zu feucht und werden nicht brennen. Schau lieber im Vorraum nach. Dort sollten noch einige eingepackte sein.“
„Gute Idee.“ Peron eilte davon und kam nach einiger Zeit mit zwei zusätzlichen Fackeln unter dem linken Arm wieder. Rasch steckte er sie in die Halterungen und zündete sie an. Amara warf ihren Wachen einen bedeutungsvollen Blick zu. Nachdem Joe sie gewarnt hatte, nicht an das Gitter zu treten, gingen sie außer Hörweite.
„Du bist ein Totai-Indianer, nicht wahr?“
„So ist es, auch wenn ihr uns häufig Wilde nennt.“
„Bedeutet wild nicht auch frei? Dann muss es etwas Schönes sein.“
Der Indianerjunge lächelte sanft.
„Das klingt nach einem Menschen, der zu behütet aufgewachsen ist.“
Amara errötete, dann flüsterte sie: „Es tut mir leid, dass meine Mutter dich eingesperrt hat, aber sie hat gesagt, dass du nur eine Nacht hierbleiben musst.“
„Glaubst du ihr das? Wahrscheinlich wird sie mich morgen nochmals wegen des Traums befragen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Und wenn ich ihr nicht antworte, wird sie mich zurück ins Gefängnis stecken.“
Der Junge hatte recht. Ihre Mutter hatte nicht gesagt, dass sie ihn freilassen würde. Amara hatte ihre Worte nur so verstehen wollen.
„Das ist ja schrecklich. Ich werde sie bitten, dass sie dich gehen lässt.“
Er schüttelte den Kopf.
„Sie wird nicht auf dich hören. Deine Mutter ist über 2000 Jahre alt. Das ist ein Alter, das Menschen nicht erreichen sollten, weil das Herz zu Stein wird. Wenn das geschehen ist, lässt es sich nicht mehr durch Bitten erweichen. Wahrscheinlich werde ich so enden.“
Der Totai-Indianer deutete auf die gegenüberliegende Zelle, und Amara entdeckte, dass in der Ecke ein Skelett saß. Es trug einen auffälligen Anhänger um den Hals. Amara erkannte ihn, denn sie hatte ihn selbst gebastelt.
„Meine liebe Amme … Nein!“
Die Wachen kamen herangestürmt.
„Was ist geschehen?“
„Warum war meine Amme in dieser Zelle?“
„Eure Amme, Prinzessin?“, wiederholte Peron. „Hat sie sich nicht am Rande der Stadt zur Ruhe gesetzt?“
Amara glaubte, dass er die Wahrheit sagte – oder das, was er für die Wahrheit hielt.
„Öffnet die Zelle.“
„Wie bitte?“
„Das ist ein Befehl! Öffnet sofort diese Tür!“
Joe holte das Schlüsselbund hervor und suchte den passenden Schlüssel. Weil die Schlüssel und die Zellen Nummern besaßen, fand er ihn schnell und schloss die Tür auf. Ängstlich näherte sich Amara dem Skelett und streckte die Hände aus, um das Lederband zu lösen. Der Anhänger bestand aus drei Federn. Die Rote stammte von Kikki, die Goldene von Finja und die unauffällige Braune von Camiro. Die Prinzessin drückte sie an ihre Brust.
„Meine Mutter hat mich belogen.“
„Sagt das nicht. Das ist Ketzerei.“
„Darum gab es kein Zeichen von ihr – kein Brief oder Besuch. Ich habe geahnt, dass etwas nicht stimmt, aber dass sie getötet wurde … Wieso?“
Die Wachen antworteten nicht. Plötzlich erinnerte sich die Prinzessin an ein Ereignis kurz vor Junas Verschwinden. Amara war traurig gewesen und hatte gefragt, warum ihre Mutter nicht mehr zu ihr kam.
Juna hatte sich vorgebeugt und gewispert: „Weil du schöner wirst als sie. Das kann sie nicht ertragen.“
War dieser Satz der Grund gewesen, weshalb Juna getötet wurde? Zitternd schob Amara den Anhänger in die Tasche und erhob sich. Ohne die Wachen anzusehen, ging sie an ihnen vorbei. Ihre Mutter hatte die Amme getötet, die ihr lange Zeit treu gedient hatte. Da würde sie auch nicht zögern, diesen Jungen zu töten, weil er sie ebenfalls beleidigt hatte. Sie musste ihm helfen, doch wie? Ratlos blickte die Prinzessin ihn an und bemerkte, dass er auf einmal lächelte.
„Ich bin ein Bote des Phönixes“, sagte er.
„Das – das glaube ich dir nicht.“
„Kann ich dir nicht verdenken, aber schau her.“
Wie Schlangen schossen die Flammen aus den Fackeln hervor und umschlossen Amara so nah, dass sie die Hitze spüren konnte. Das Mädchen war zu überrascht, um Angst zu haben.
Entsetzt starrten die Wachen den Jungen an.
„Hexer!“, stießen sie hervor.
„Wagt es nicht, Widerstand zu leisten! Ich will, dass ihr all eure Waffen ablegt. Gib der Prinzessin die Schlüssel, damit sie meine Tür aufschließen kann. Sobald ich draußen bin, geht ihr beiden in die Zelle, und sie wird die Tür wieder verschließen.“
Klirrend fielen Schwerter und Dolche zu Boden, und Joe ging zögernd auf Amara zu. Die Feuerschlangen veränderten sich und wurden zu einem Feuerring, der um die Hüfte der Prinzessin tanzte. Damit Amara die Schlüssel entgegennehmen konnte, sank er bis zu den Knien herab und stieg danach wieder hoch. Der ältere Mann kehrte an Perons Seite zurück, und Amara schloss die Zellentür auf. Sie war fasziniert davon, dass sich der Feuerring mit ihr bewegte. Dass der Totai-Indianer aus der Zelle herauskam und die Wachen hineintraten, bemerkte sie kaum.
„Schließe ab und werfe mir die Schlüssel zu.“
Die Prinzessin riss sich zusammen und gehorchte. Nachdem der Junge die Schlüssel hatte, nahm er sich aus den abgelegten Waffen einen Dolch und näherte sich Amara.
„Was hast du vor?“, rief Peron.
„Sei beruhigt, aber ich brauche sie, um die Stadt lebend verlassen zu können. Ein Dolch ist dabei sicher hilfreich.“
Er griff nach ihren Ellbogen, und das Feuer um sie erlosch.
„Komm!“
„Wartet!“ Joe kam an das Gitter und sah die Prinzessin an. „Ich will Euch noch Eure Frage beantworten. Ihr wisst es zwar nicht, aber die meisten Menschen leiden an Hunger. Obwohl ich meiner kleinen Schwester meine Essensrationen gab, starb sie. Der Hof sieht Leute, die ihm nicht dienen können, als überflüssig an und hilft ihnen nicht. Was meint Ihr, wie viele sich wünschen, dass ihre Kinder an Eurer Stelle wären. Nie habt Ihr Hunger leiden müssen, ständig war ein Arzt zur Stelle und Ihr wurdet bewacht. Trotzdem habt Ihr den Schutz als Belastung empfunden und wart unglücklich. Ich will, dass Ihr Euch dafür schämt!“
Betäubt von Joes Worten ließ sich Amara fortführen. Im Vorraum schloss der Junge die Tür zu den Gefängniszellen und sagte: „Es tut mir leid. Dies ist der einzige Weg, wie ich aus der Stadt kommen kann.“
„Ist es wahr, was er gesagt hat? Muss das Volk hungern?“
Der Totai-Indianer seufzte.
„Manche Dinge sind nicht dazu da erzählt zu werden, denn man muss sie erfahren. Auf meiner Flucht wirst du sie mit eigenen Augen sehen.“
„In Ordnung, ich wollte dir sowieso helfen.“
„Danke. Ich bin Turian, und wie heißt du?“
„Mein Name ist Amara. Was hast du nun vor?“
Zielstrebig ging er zu einer Truhe, öffnete sie und stieß einen Laut der Erleichterung aus.
„Meine Sachen sind alle noch da.“
Er nahm einen Beutel aus der Truhe und schnallte sich ihn um. Schließlich tauschte er den Dolch der Wache gegen seinen eigenen aus und strich liebevoll über den weißen Griff.
„Dieser Dolch hat meinen Vater gehört. Sein Geist wäre traurig gewesen, wenn ich ihn verloren hätte.“
„Dein Vater ist tot? Das tut mir leid.“
Turian schüttelte den Kopf und legte den Schlüsselbund auf den Tisch.
„Er starb, als ich noch ganz jung war, und ich kann mich nicht an ihn erinnern.“
„Ich weiß nicht einmal, wer mein Vater ist. Vielleicht ist er auch schon tot“, flüsterte Amara traurig.
„Hören wir auf von solchen Dingen zu reden und gehen lieber.“
Die Prinzessin nickte, und gemeinsam stiegen sie die Treppe hinauf. Amara musste sich darauf konzentrieren auf ihre Schritte zu achten, denn immer wieder richtete sich ihr Blick aufs Turians Hand. Feuer züngelte aus seiner Handfläche, ohne sie zu verbrennen. Wie machte er das? Sie nahm sich vor, ihn später danach zu fragen. Auf der obersten Stufe angekommen, löschte der Totai-Indianer die Flamme und öffnete vorsichtig die Tür. Trotzdem quietschte sie, und sie zuckten beide zusammen. Turian lauschte einen Moment, ob jemand das Geräusch bemerkt hatte. Nichts regte sich.
„Weiter“, wisperte er.
Als sie den Hof erreichten, verbargen sie sich im Schatten und spähten zum Fallgitter. Die Fackeln offenbarten eine einzelne Gestalt. Weitere Wachen waren nicht zu entdecken.
„Die Königin muss sich sehr sicher fühlen. Kein Wunder, sie weiß, dass die Menschen von ihr abhängig sind. Weißt du, was hinter diesem Gebäude liegt?“
Sie verneinte und bemerkte, wie Turian den Kopf wandte. Amara verstand. Wenn sie die wenigen Meter zurückgingen, würde das Gebäude ihnen Sichtschutz bieten, während auf dieser Seite das Risiko entdeckt zu werden hoch war.
„Hm, ich bin sicher gesehen zu haben, dass dieses Gebäude nicht direkt an die Mauer grenzt“, meinte Turian. „Also probieren wir es dort.“
So leise wie möglich folgte Amara Turian, der sich lautlos bewegte. Sie war froh, als sie um die erste Ecke bogen. Nun fühlte sie etwas sicherer. Nachdem sie die Rückseite des Gebäudes erreicht hatten, bemerkte die Prinzessin einen üblen Gestank und hielt sich die Nase zu.
„Die Latrinen“, murmelte der Totai. „Nicht das, was ich gehofft hatte, aber falls jemand kommt, wird er andere Dinge im Kopf haben.“
„Mir wird schlecht. Lass uns weitergehen.“
„Du hast recht.“
Als sie endlich das andere Ende des Gebäudes erreicht hatten und zur Mauer huschten, atmete Amara einige Male tief durch und blickte zur Gestalt am Tor. Sie erschien ihr immer noch weit entfernt.
„Mach dich darauf gefasst, dass ich dich mit dem Dolch bedrohe, wenn er uns entdeckt“, sagte Turian, bevor sie weiterschlichen.
Langsam konnte die Prinzessin die Gesichtszüge der Wache erkennen. Der Mann wirkte gelangweilt und gähnte einige Male. Amara konnte kaum glauben, dass sie fast beim Lichtkreis der Fackeln waren, ohne dass er sie bemerkt hatte. Anscheinend war sie eine gar nicht so schlechte Schleicherin. Da knackte etwas unter ihren Füßen, und die Wache fuhr herum.
„Halt! Wer da?“
Blitzschnell legte Turian Amara den Dolch an die Kehle, und sie traten ins Fackellicht.
„Öffne die Tür zur Stadt!“, befahl er, und erst jetzt bemerkte die Prinzessin die Tür neben dem Fallgitter.
Nach einem Moment des Schreckens gehorchte der Mann und ließ sich danach widerstandslos mit seinem eigenen Waffengurt fesseln. Der Totai-Indianer wühlte in seinem Beutel, holte ein Säckchen hervor und ließ ein Pulver in seine Hand rieseln. Er pustete es der Wache ins Gesicht.
„Was ist-“ Der Mann kam nicht dazu, die Frage zu Ende zu stellen, sondern sackte zu Boden. Beunruhigt blickte Amara ihn an.
„Was hast du mit ihm gemacht?“
„Schlafpulver, ansonsten würde er, um Hilfe schreien, sobald wir weg sind.“
Turian löste den Gurt, schnallte ihn den Mann wieder um und setzte die Wache aufrecht hin. So sah sie aus, als würde sie schlafen.
„Beeilen wir uns“, sagte Turian. „Wer weiß, wann die Wachablösung kommt und ihn findet.“
Die Prinzessin nickte, und sie liefen durch die Tür, die sie hinter sich abschlossen. Die berühmte Marktstraße der Stadt lag vor ihnen. Tagsüber musste es hier von Menschen wimmeln, doch nun war sie leer und verlassen. Trotzdem zog Turian Amara in eine Seitengasse.
„Wir holen mein Pony aus dem Bürgerviertel und verlassen dann die Stadt.“
„Wäre es nicht klüger, wenn du das Pony zurücklässt und versuchst über die Mauer zu klettern? Du musst noch durch das Stadttor.“
Er schüttelte den Kopf.
„Die Stadt ist mittlerweile so verfallen, dass die Mauer an einigen Stellen eingestürzt ist.“
„Was meinst du mit verfallen?“
„Später, du wirst es mit eigenen Augen sehen.“
„Also gut.“
Als sie das Bürgerviertel erreichten, erschrak die Prinzessin. Viele der Häuser waren heruntergekommen oder komplett eingestürzt, und eine gespenstische Ruhe lag über ihnen.
„Lebt hier überhaupt noch jemand?“, fragte sie.
„Nein, die Menschen sind ins Viertel vor dem Schloss gezogen, dennoch dürfen wir nicht unvorsichtig werden. In der Nacht sind Jagdtrupps unterwegs.“
Erschrocken sah sie ihn an, und er lächelte beruhigend.
„Sie jagen Ratten.“
Die Prinzessin schauderte und folgte Turian zu einem kleinen Haus. Wortlos verschwand der Totai-Indianer darin und führte ein dunkles Pony heraus. In der Dunkelheit konnte Amara nicht erkennen, ob es braun oder schwarz war, doch sie bemerkte Turians Erleichterung.
„Musste es die ganze Zeit hier auf dich warten?“, fragte Amara.
„Ja, und ich muss gestehen, dass ich riesige Angst um es hatte. Wenn einer der Jagdtrupps es gefunden hätte, hätte er es getötet und sich über ein Festmahl gefreut.“ Das Pony stupste ihn an, und Turian lächelte. „Ja, ich weiß, du bist ein schlaues Tier und hast keinen einzigen Laut von dir gegeben.“
Der Junge wandte sich an Amara.
„Am Ende dieser Gasse ist die Mauer eingestürzt, und wir können die Stadt verlassen. Kannst du reiten?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich hätte es gerne gelernt, aber – warte! Du willst, dass ich mit dir komme?“
„Ja, ich habe nicht die Zeit, deine Fragen zu beantworten, und Antworten wirst du im Schloss nicht finden.“
Die Prinzessin überlegte. Er hatte recht. Ihre Mutter hatte ihr alles verschwiegen, und sie hatte Juna im Gefängnis sterben lassen.
„Ich werde dich begleiten.“
Turian winkte sie heran und half ihr in den einfachen Sattel. Dann schwang er sich hinter sie, um sie festzuhalten. Amara konnte nicht verhindern, dass sie errötete. Das Pony setzte sich in Bewegung, und bald erkannte die Prinzessin den Mauerspalt. Er wäre sogar groß genug für einen Ochsen gewesen. Als sie hindurchgeritten waren, gab Amara einen enttäuschten Laut von sich. Zwar hatte sie nicht damit gerechnet, im Dunkeln viel erkennen zu können, doch sie hatte gehofft, die Umrisse von Bäumen und hohem Gras ausmachen zu können. Nichts dergleichen war zu erblicken.
Der Ruf eines Käuzchens ließ sie den Kopf drehen, und die Prinzessin sah, dass drei Vögel auf sie zu flogen. Am liebsten hätte sie vor Freude laut ihre Namen gerufen, konnte sich aber im letzten Moment zurückhalten. Das Goldglanz-Spätzchen schlüpfte unter Amaras Umhang, während sich Camiro auf den Sattelknauf setzte und Kikki frech auf Turians Schulter landete.
„Sind das deine Freunde?“, fragte er.
„Ja, ich bin so froh, sie zu sehen. Ich glaube, sie wollen mit uns kommen. Was hast du?“
Turians Körper hatte sich angespannt.
„Ich frage mich, ob man ihr Verschwinden bemerkt hat oder ihnen gefolgt ist.“
„Bestimmt nicht, niemand achtet auf sie.“
„Ich hoffe, dass du dich nicht irrst. Auf jeden Fall werden wir eine Zeit lang galoppieren. Du brauchst keine Angst zu haben, dass du herunterfällst, denn ich halte dich fest.“
Das Pony brauchte nur wenige Sprünge, um in einen fließenden Galopp zu fallen. Amara hatte keine Angst. Im Gegenteil. Dieser Ritt war das Wunderbarste, was ihr in ihrem Leben bislang passiert war. Die Schnelligkeit und der brausende Wind sowie Camiro und Kikki, die an ihrer Seite flogen, machten sie glücklich. So also fühlte sich Freiheit an. Nach einer Weile ließ Turian das Pony in Schritt fallen, obwohl es nicht erschöpft wirkte.
„Wollen wir rasten?“, fragte die Prinzessin.
„Nein, wir reiten bis zum Sonnenaufgang durch.“
„Die Wachen werden es im Dunkeln schwer haben, unserer Spur zu folgen. Außerdem ist dein Pony bestimmt müde, weil es mich auch noch tragen muss. Willst du ihm nicht eine Pause gönnen?“
„Um die Männer deiner Mutter sorge ich mich nicht, sondern um die Toten Seelen.“
Erschrocken sah Amara den Jungen an.
„Meinst du Geister?“
„Ja, in diesem Land übersteigt die Zahl der Toten die der Lebenden, da der heilige Kreislauf unterbrochen wurde. Je länger die Geister der Toten bleiben, desto hasserfüllter werden sie. Schließlich werden sie zu das, was man Tote Seelen nennt. Und dann machen sie auf alles Jagd, was atmet.“
Die Prinzessin erschauderte.
„Wie bist du an ihnen vorbeigekommen?“
„Mithilfe von heiligen Siegeln, die unser Schamane angefertigt hat. Leider habe ich auf dem Hinweg viele verbraucht, deshalb müssen wir weiter.“
„Wie konntest du mich mitnehmen, ohne mir davon zu erzählen?“, fragte die Prinzessin. Sie hatte sich zwar gewünscht, ihren goldenen Käfig zu verlassen, aber in einer lebensgefährlichen Situation hatte sie nicht landen wollen.
Beschämt senkte Turian den Blick.
„Wirklich, ich wollte dich nicht solch einer Gefahr aussetzen.“
„Ich hoffe, dass die Wahrheit das wert ist“, murmelte Amara, und der Indianerjunge lächelte schwach.
„Wahrscheinlich hätte ich vorher nicht die Dörfer an der Küste besuchen sollen, aber ich wollte erfahren, wie es um dieses Land steht.“
„Wie schützen sie sich denn vor den Toten Seelen?“
„Die Königin hat ihnen Siegel gegeben. Weil sich diese Siegel mit der Umgebung verbunden haben, sind sie im Gegensatz zu meinen dauerhaft. Ich habe welche gesehen, die über tausend Jahre alt sind.“
Amara dachte an Joes Worte. Er hatte gesagt, die meisten Menschen hungern.
„Wie geht es den Leuten in den Dörfern?“
„Dank der Fische aus dem Meer hätten sie genug zu essen. Trotzdem waren viele Küstendörfer verlassen, weil das Wasser in den Brunnen versiegt ist. Die Siedlungen auf dem Land wirkten, als wären sie schon lange unbewohnt.“
„Wieso geht es dem Volk so schlecht?“
„Nuri bietet nicht mehr viel fruchtbares Land, und unzählige Menschen sind in den letzten Jahrhunderten verhungert.“
„Ich verstehe das nicht. In all den Büchern der Bibliothek steht, was für eine grüne, fruchtbare Insel Nuri ist.“
„Wahrscheinlich sind diese Bücher uralt. Mittlerweile sind all die grünen Ebenen verdorrt und zur Einöde geworden. Einzig der Dschungel, der den Vulkan umgibt, trotzt dem Tod.“
„Das ist schrecklich.“
Amara verfiel in Schweigen und Turian trieb das Pony wieder zum Galopp an.

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