Tochter des Anons

Prolog

Nefertari blickte über die scheinbar endlose Wüste, an deren Horizont der Sonnengott Anon rot glühend seinen Weg begann. Kein Laut war zu hören und die Sanddünen schienen sich wie Wellen aufzubäumen, um jeden Menschen am Eindringen zu hindern. Die innere Erregung seiner Reiterin fühlend, scharrte der graue Hengst unruhig mit den Hufen.
Ihr Blick kehrte zu den Spuren vor ihnen zurück, von denen sie wusste, dass sie einer Raubkatze gehörten. Neben den Tatzenabdrücken befand sich eine blutige Schleifspur. Seit drei Tagen wurden die Rinder des Tempels von On gerissen. Normalerweise wäre es die Aufgabe ihres Vaters gewesen, die Großkatze zu erlegen, aber König Ikan jagte im Süden des Landes Elefanten. Als sie die Benachrichtigung des Tempels in seinem Arbeitszimmer gefunden hatte, hatte sie erkannt, dass ihre Chance gekommen war. Ihr Vater liebte sie zwar, doch er war davon überzeugt, dass sie das Reich Nihlahn nicht alleine regieren und beschützen konnte. Nun würde sie ihm das Gegenteil beweisen. Nefertari drückte die Schenkel leicht an den Pferdeleib und Tamin lief weiter. Als die Prinzessin die nächste Sanddüne hinaufgeritten war, fand sie, was sie gesucht hatte, aber die Raubkatze war schon in Bedrängnis geraten. Sie verteidigte gegen ein Rudel Hyänen ihre gerissene Beute.
Sechs gegen einen, das ist wirklich ungerecht, dachte Nefertari, zog einen Pfeil aus dem Köcher, spannte den Bogen und zielte. Eine Hyäne stürzte zur Erde und die anderen ließen von der verletzten Löwin ab. Hinterlistig starrten die gelben Augen Nefertari an, und ein widerliches, verzerrtes Lachen erklang. Einem Moment empfand sie Angst, dann erinnerte Nefertari sich, dass ihre Vorfahren Löwen, Nilpferde und Elefanten erlegt hatten. Wenn sie sich vor Hyänen fürchtete, die ihre Feigheit hinter ihrer Mehrzahl versteckten, erwies sie sich ihrer als unwürdig. Entschlossen ergriff sie einen weiteren Pfeil, während die Hyänen die Düne hinaufpreschten. Sie waren schnell und die Prinzessin beeilte sich. Kaum war ein Pfeil geflogen, sauste der nächste durch die Luft. Die beiden letzten Hyänen blieben stehen, sahen sich verdutzt an und ergriffen die Flucht.
„Ja! Lauft nur, ihr Feiglinge!“, rief Nefertari ihnen nach, als sie in der Wüste verschwanden. Danach stieg sie ab, nahm den Speer in die rechte Hand und ging auf die Löwin zu. Sie war auf einen Angriff vorbereitet, weil sie wusste, dass verwundete Tiere auch die gefährlichsten waren.
Langsam erhob sich die Großkatze und plötzlich kam es der Prinzessin falsch vor, dieses edle Geschöpf zu töten. Mit einem Seufzer senkte Nefertari den Speer, obwohl ihr ganzer Körper angespannt blieb. Sie war hergekommen, um das Wesen zu erlegen, das die Rinder des Tempels riss, und nun vermochte sie es nicht. Ich bin noch weit von meinem Ziel entfernt, dachte Nefertari traurig. In diesem Moment geschah etwas Seltsames. Die Löwin rollte sich auf den Rücken, um ihre empfindlichste Stelle zu entblößen. Als sie sich wieder auf den Bauch drehte, klebte Sand am blutigen Fell. Mit zitternden Beinen stand die Raubkatze auf. Sie war verletzt, erschöpft und hungrig, dennoch gab sie Nefertari den Weg zur Beute frei.
Die Prinzessin schüttelte den Kopf und sagte: „Du kannst sie ruhig auffressen. Tot nützt die Kuh nichts.“
Die Löwin schien sie zu verstehen und machte sich hastig ans Werk, während Nefertari überlegte, wie sie zumindest die Erlegung der Hyänen beweisen konnte. Sie konnte schließlich nicht alle mitnehmen, also nahm sie ihr Messer und schnitt mit angewidertem Gesicht den Hyänen die Schwänze ab. Nefertari schaute zum wolkenlosen Himmel empor, an dem schon Geier kreisten, dann beobachtete sie die fressende Löwin. Es wunderte sie, dass sie alleine war. Wo war ihr Rudel?
Die Prinzessin sagte zu der Löwin: „Wenn du noch lange leben willst, rate ich dir, die Rinder des Tempels zu meiden, ansonsten wird mein Vater mit seinen Hunden herkommen, um dich zu töten. Lebe wohl.“
Nefertari stieg in den Sattel und wendete ihr Pferd. Sie blickte noch einmal zurück und sah, dass die verletzte Löwin ihr langsam folgte. Ich kann sie in den Palast mitnehmen und gesund pflegen, dachte Nefertari, hörte aber bereits die mahnende Stimme ihres Vaters und schüttelte ärgerlich den Kopf, um das kindliche Mitgefühl zu vertreiben. Trotzdem glitt ihr Blick gegen ihren Willen wieder zur Löwin, die in kurzer Entfernung stehen geblieben war und sie aus klugen, schwarzen Augen ansah. Mensch und Tier schauten sich eine Weile an und das Mitgefühl besiegte den Verstand. Nefertari wartete und die Löwin trat an ihre Seite. Zögernd beugte das Mädchen sich herab und streckte die Hand aus, um Temras heiliges Tier zu berühren. Die Göttin Temra war die Gefährtin des Sonnengottes Anon und wurde als Frau mit einem Löwenkopf verehrt. Sie war stark, mutig und konnte, wenn sie Anon oder Nihlan verteidigte, gnadenlos sein. Die Raubkatze schmiegte ihren Kopf an Nefertaris Hand und leckte sie kurz. Es kitzelte und Nefertari lächelte. Sie richtete sich wieder auf und beschloss zum Tempel zu reiten, um den Hohepriester Tepoh um Hilfe zu bitten.
Im Tempel des Sonnengottes versammelten sich die Menschen verwundert um die Prinzessin, die wie ein stolzer Krieger im Sattel saß und von einer Löwin begleitet wurde. Als Nefertari triumphierend die Schwänze der Hyänen in die Sonne hielt, fingen sie an zu jubeln. Die Kräfte des bösen Wüstengottes Saith und seiner Geschöpfe in Schach zu halten, gehörte zu den Aufgaben eines Herrschers. Nefertari versuchte sich von der Freude nicht anstecken zu lassen, denn sie hatte nur einen kleinen Schritt getan, um das Vertrauen ihres Volkes zu gewinnen.
Tepoh trat aus dem Tempel und schritt die Stufen hinunter, während die Goldfäden in seinem weißen Gewand im Sonnenlicht aufblitzen. Dieser große, hagere Mann war nach ihrem Vater die mächtigste Person im Land – hier im Tempel sprach man ihn mit Hohepriester an und im Palast als Großwesir, außerdem war er auch einer ihrer Lehrer gewesen.
Der Hohepriester musterte die Prinzessin mit einem undeutbaren Gesichtsausdruck, bevor er ihr ein Zeichen gab, ihm zu folgen. Tepoh händigte ihr eine Heilsalbe für die Löwin aus und befahl ihr diese aufzutragen. Die Raubkatze hielt still, als Nefertari sich um die Wunden kümmerte. Einige schienen tief zu sein, doch sie wirkten nicht lebensgefährlich. Einen Augenblick hielt die Prinzessin erstaunt inne und wunderte sich, dass sie nicht die geringste Angst empfand.
„Es scheint, dass du deine Beschützerin unter den Göttern gefunden hast“, sagte der Hohepriester leise und Nefertari wandte sich um.
„Wieso klingt deine Stimme traurig?“
Tepoh schüttelte den Kopf.
„Ich muss noch nachdenken, was dieses Zeichen zu bedeuten hat. Die Löwin kann bei dir bleiben, aber halte sie nicht auf, wenn sie gehen will.“
Er verließ den Raum und Nefertari starrte ihn verdutzt nach. Es war eine Sache an die Götter zu glauben, ihnen zu vertrauen eine andere.

In dieser Nacht hatte Nefertari einen seltsamen Traum. Sie stand mitten in der endlosen, gelben Wüste. Der Schweiß rann ihr über die Stirn, ihre Kehle war trocken und die Sonne brannte unbarmherzig. Wohin sollte sie gehen? Überall schien der Tod zu warten. Nefertari tat einen Schritt und musste einen Schmerzensschrei unterdrücken. Der Sand unter ihren bloßen Füßen war kochend heiß. Was hatte sie getan, dass die Götter sie straften? Plötzlich erhob sich ein kühler Wind. Er umschmeichelte sie und trocknete die glitzernden Schweißperlen auf ihrer Haut.
Eine unmenschliche Stimme, die vom Himmel und auch aus der Erde zu kommen schien, sagte: „Sieh mich an, Nefertari, ich bin dein wirklicher Vater, der Gott Anon.“
Nefertari erschauderte, war jedoch nicht überrascht, weil es hieß, dass der Sonnengott in den Körper des Königs eindrang, um den nächsten Thronerben zu zeugen. Daher hatte sie zwei Väter.
„Seit deiner Geburt sind viele Menschenjahre vergangen, in denen ich über dich gewacht habe. Heute komme ich mit zwei Wünschen zu dir. Mein Abbild, der Sphinx, ist vor Jahrhunderten im Sand der Wüste versunken. Obwohl die Menschen mich verehren, hat bislang keiner versucht, ihn vom Wüstensand zu befreien.“
„Wenn ich König Ikan deine Nachricht überbringe, wird er dafür sorgen, dass es geschieht.“
„Mein zweiter Wunsch ist, dich als Königin Nihlahns zu sehen.“
Um ihren Platz in der Welt zu kennen, musste die Prinzessin wagen, genauer nachzufragen. Ihr Herz begann zu rasen, denn der Anfang des Traumes hatte ihr gezeigt, dass sie nicht mehr als ein Sandkorn vor den Augen der Götter war.
„Möchtest du, dass ich die Doppelkrone trage oder mein zukünftiger Gatte?“
„Du sollst die Geschicke dieses Landes lenken.“
„Gib gut acht“, ertönten Stimmen hinter ihr. Nefertari wandte sich um und erblickte die Riadren. Schwarze Nebelschwaden verhüllten die Gestalten der sieben Schicksalsgöttinnen. Die Prinzessin erschauderte. Nein, eigentlich sah es so aus, als flösse der Nebel aus ihren Körpern. „Die Wünsche der Götter und der Wille des Schicksals stehen oft im Gegensatz zueinander. Anon will dich auf seinen Thron setzen, doch der Weg zur Krone wird schwer sein. Viele Prüfungen erwarten dich. Die Frage ist, ob du sie annehmen wirst.“
Mit einem Mal war Anons Präsenz verschwunden. Die Hitze kehrte zurück und drückte Nefertari zu Boden, um ihr das lebensnotwendige Wasser aus dem Körper zu saugen. Es stimmte also, selbst die Götter waren dem Schicksal ausgeliefert.
Die Riadren flüsterten: „Du bist die Antwort auf den Schmerz Nihlahns, aber die Gefahren sind gleich mächtig. Möge die göttliche Essenz in deinen Adern stark genug sein, um Nihlahn und dich selbst zu retten.“
Nefertari schreckte aus dem Traum hoch. Der Vollmond schien hell in ihr Gemach und bedeckte alles mit einem silbernen Glanz. Die Löwin vor ihrem Bett schnaubte leise und hob den Kopf, um die Prinzessin anzusehen. Augenblicklich beruhigte Nefertari sich und Freude erfüllte sie. Der Sonnengott vertraute ihr. Um ihn nicht zu enttäuschen und den prophezeiten Schmerzen und Mühen gewachsen zu sein, musste sie stärker werden. Tepoh würde Nefertari helfen und den König überzeugen, dass sie das Geheime Wissen erlernen musste. Bestimmt würde Ikan zögern, denn die Prüfungen des Tempels von On galten als gefährlich. Einige Novizen hatten ihr Leben oder den Verstand verloren, doch dem Willen des Sonnengottes konnte sich auch der König nicht widersetzen.
Die nächsten Tage verbrachte Nefertari damit, auf ihren Vater zu warten und die Löwin gesund zu pflegen, die ihr wie ein Schatten folgte. Die Prinzessin genoss diese Zeit, weil sie wusste, dass nur ein Ort ohne Mauern der rechte Platz für ein so majestätisches Geschöpf war. Nach einer Woche war es so weit, und die Raubkatze kehrte in die Wüste zurück, aus der sie gekommen war. Etwas traurig blickte Prinzessin Nefertari ihr nach.
Als ihr Vater eintraf, tadelte er sie wegen ihres Leichtsinns, aber Nefertari sah auch glühenden Stolz in seinen Augen und nahm es deshalb lächelnd hin. Nachdem er und Tepoh ein langes Gespräch geführt hatten, gab der König nach, und Nefertari, die erst vor kurzem ihr vierzehntes Lebensjahr vollendet hatte, begann ihre Ausbildung in On.

Erster Teil

Nefertari stand vor einem großen, schweren Tor, das sich langsam, fast bedächtig, öffnete. Ihre Schläfen pochten vor Aufregung, denn sie wusste, dass sie ihre Ehre, ihren Verstand oder sogar ihr Leben verlieren konnte. Die beiden Priester nickten ihr zu, und der Jüngere reichte ihr wortlos eine Fackel. Kaum war sie in den dunklen Gang getreten, hörte Nefertari, wie das Tor hinter ihr verriegelt wurde. Da sie nicht wusste, was sie erwartete, schritt die Prinzessin vorsichtig voran. Die Fackel spendete nur wenig Licht und warf unruhige Schatten an die Wände. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. In jedem Menschen gab es die Angst vor dem Dunkeln – vor dem, was es verbarg oder die eigene Fantasy darin erschuf.
Als Nefertari eine steinerne Treppe herunterstieg, wunderte sie sich, wie weit sie in den Mysterien gekommen war. Abgesehen von Gebeten, Riten und Beschwörungen kannte sie Wege, wie sie ihre Seele auf Reisen schicken konnte. Letzteres war ein Geheimnis, das kein Außenstehender jemals erfahren durfte und vermutlich würden bei ihrer Rückkehr viele neugierige Fragen auf sie zu kommen. Dieser Gedanke beunruhigte Nefertari. Drei lange Jahre hatte sie den Tempel nicht verlassen und ihren Vater nicht gesehen. Was war alles in dieser Zeit geschehen?
Vor der Prinzessin tauchte eine Tür auf, die sie aufstieß. Sie war erstaunt, als sie in ein prächtig ausgestattetes Gemach trat. Ein gemütlicher Diwan lud zum Ausruhen ein und auf einem festlich gedeckten Tisch standen auserlesene Speisen wie Taubenragout, Honigkuchen und raffinierte Salate. Auch der Geruch von gebratener Ente stieg ihr verführerisch in die Nase und ihr Magen knurrte laut. Nefertari hatte seit fünf Tagen nichts mehr gegessen und spürte den Drang, sich auf die Speisen zu stürzen und von allem zu probieren. Die Schamesröte stieg ihr ins Gesicht. Dass Hunger ihren Körper erbeben ließ, war eine neue Erfahrung. Sie musste rasch weiter, bevor sie schwach wurde! Entschlossen wandte sich die Prinzessin ab und eilte zur gegenüberliegenden Tür. Vor ihr lag wieder ein dunkler Gang. Nach etwa zwanzig Schritten endete der Weg an einer Grube, über die ein dünnes Brett führte. Aus der Grube hörte Nefertari leises Zischen. Nach einigem Zögern trat sie näher und leuchtete in die Tiefe. Sie wich erschrocken zurück. In der Grube wandten sich Hunderte von Schlangen umeinander und bildeten ein lebendes Knäuel aus schuppigen Leibern und dunklen Farben. Nefertari unterdrückte ein Schaudern und versuchte die andere Seite zu erhellen. Sie sah einige Stufen, die aufwärts führten.
„Nur Mut, Tochter der Temra“, sagte sie sich. Seit ihrer Begegnung mit der Löwin wurde sie oft so genannt und dieser Titel verlangte, dass sie sich furchtlos verhielt.
Mit einem Fuß belastete sie das Brett. Es schien stark genug, sie zu tragen, und Nefertari setzte auch den anderen Fuß darauf. Langsam bewegte sie sich vorwärts, während das Holz leise knirschte. Eine der Schlangen, eine Kobra, richtete sich aus dem Gewühl auf, blähte ihre Haube und begann laut und eindringlich zu zischen. Die Schlange sah der Prinzessin genau in die Augen und Nefertari fühlte sich auf einmal schläfrig. Sie spürte, wie ein fremder Wille gegen ihren eigenen stieß. Ihr Körper wurde schwerer und die Arme sanken ein Stückchen herab, während sie schnell ein Wall um ihren Geist errichtete. Nefertari zwang sich den Kopf hoch zu nehmen und geradeaus zu blicken. Nur noch ein kurzes Stück und sie hatte es geschafft. Plötzlich wankte sie und drohte das Gleichgewicht zu verlieren und in die Grube zu stürzen. Die Fackel entglitt ihren Händen, fiel in die Grube und erlosch. Die Schlangen unter ihr zischten. Fluchend sprang die Prinzessin und erreichte die andere Seite. Schmerz durchfuhr ihren rechten Fuß und Nefertari fiel auf Hände und Knie. Sie wartete, bis er nachließ, und versuchte in der Dunkelheit die Stufen zu erkennen. Als sie aufstehen wollte, flammte der Schmerz erneut auf. Auf allen vieren tastete sie sich zur Treppe und kroch hoch, während ihre Handballen aufschürften und zu brennen anfingen.
Die Prinzessin gelangte in eine große Halle und lehnte sich erschöpft an eine Säule. Nach einer Weile drangen leise Stimmen an ihr Ohr und flüsterten: „Merkst du es nicht? Die Priester wollen, dass du hier stirbst. Wir haben ihnen auch vertraut und es mit unserem Leben bezahlt. Auf ewig werden wir an diesen Ort gekettet sein und unsere Leichtgläubigkeit beklagen, doch für dich gibt es noch Rettung. Folge uns und wir werden dich nach draußen führen.“
Nefertari schüttelte heftig den Kopf, um die Stimmen zu vertreiben.
„Nein“, sagte sie,„ihr lügt. Tepoh würde mir nie schaden.“
„Er gewinnt am meisten, wenn du stirbst. Denke nach. Er ist Großwesir deines Vaters und Hohepriester des Anons. Wer würde wohl, wenn deine Königslinie ausstirbt, die Macht erlangen?“
Die Prinzessin war erschüttert.
„Eure Anschuldigungen sind ungeheuerlich. Tepoh hat nie nach Macht gestrebt. Ich weiß, wem ich vertrauen kann!“
Die Stimmen klangen auf einmal sehr traurig.
„Wie du willst.“
Die Dunkelheit schien sich zu bewegen und zu schrecklichen Gestalten zusammenzuballen. Durch ihren geistigen Schild spürte Nefertari, wie sich der Schatten der dritten Unterwelt über die Halle legte. Ihre Nackenhärchen stellten sich auf. Dämonische Fratzen näherten sich und in ihnen spiegelten sich Zorn, Hass und Verdammnis. Sie bleckten ihre Zähne und hoben die Pranken, weil sie sie in Stücke zerreißen wollten. Nefertari erzitterte, aber wenn die Angst über sie siegte, war sie verloren. Außerdem stimmte irgendetwas nicht. Bei der Beschwörung von Göttern oder jenseitigen Orten erschien die Gottheit weder selber noch veränderte sich äußerlich der Ort. Man konnte eher sagen, dass sich die Atmosphäre wandelte und bestimmte Auswirkungen eintraten. Dämonen konnten nicht hier sein, vor allem wenn sie bedachte, dass sie sich unterhalb des Tempels des Sonnengottes befand. Die Reise durch die Unterwelt gehörte zum Leben Anons und die Dämonen waren seine Feinde. Sie musste die Beschwörung brechen oder teilweise aufheben. An welchen der Götter sollte Nefertari sich wenden? Temra ließ Menschen oft zu wagemutig werden, darum rief sie den Sonnengott selbst. Erleichtert atmete die Prinzessin durch, als das bedrückende Gefühl der Unterwelt verschwand. Auch die Gestalten in ihrer Nähe waren verschwunden und zu dem Rest sagte sie: „Hier ist kein Platz für solche Trugbilder wie euch. Hinfort!“
Sie rührten sich nicht, Nefertari stöhnte verärgert auf und machte sich auf den Weg. Auf Illusionen zu kriechen zu müssen, war erniedrigend. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass sich eine nach der anderen auflöste, so bald Anons Bannkreis sie berührte. Schließlich verschwand das letzte Trugbild und Nefertari hatte die andere Seite der Halle erreicht. Licht flutete in ihre Augen, als sich links von ihr eine Tür öffnete. Schützend hob sie die Hand vor das Gesicht und blinzelte. Ein alter Priester, der den Namen Tao trug, trat hinaus und half ihr auf.
„Dein Schild ist immer noch besorgniserregend schlecht“, meinte er, während er aus den Falten seines Gewandes einen Stab hervorzog und ihr reichte.
„Soviel ich weiß, sagst du das zu jeden Novizen. Unsere Schutzschilde sind nicht schlecht, sondern du bist nur zu gut darin, dich in die Gedanken eines Menschen einzuschleichen.“
Tao seufzte.
„Wie auch immer, der letzte und schwerste Weg liegt noch vor dir. Bist du bereit?“
Die Prinzessin nickte und folgte Tao in einen kleinen Raum, in dem zwei menschengroße Nehjet-Statuen eine blutrote Tür bewachten. In den mit Gold umrahmten Augen der Schakalköpfe schien eine Warnung zu liegen und Nefertari wandte kurz den Blick ab, dabei entdeckte sie an der rechten Wand Sprossen. Bestimmt einer der Schleichwege der Priester.
„Hast du es dir anders überlegt? Möchtest du aufgeben?“
„Nein“, Nefertari lachte leise, „ich hab mich nur gewundert, dass man sich keine Mühe gegeben hat, die Sprossen zu verbergen.“
„Das ist als gut gemeinter Rat gedacht, immerhin laufen die meisten Menschen vor dem Tod weg.“
Die junge Frau trat zwischen die beiden Statuen und der Schatten der einen schien sie zu streifen wie ein kalter Luftzug. Wieder spürte sie eine Beschwörung der Unterwelt.
„Diesmal darfst du keinen Gott zu Hilfe rufen, sondern musst es aus eigener Kraft schaffen“, raunte Tao hinter ihr.
Nefertari griff nach der Tür und öffnete sie. Es bot sich ihr ein schrecklicher Anblick. Eine Galerie, die einem alten Schlachtfeld glich, lag vor ihr. Auf dem Boden türmten sich Gebeine und Totenschädel und an den Seiten standen groteske Tier- und Menschenfiguren.
Die alten Knochen brachen wie morsches Holz, als Nefertari auf sie trat. Die Luft war muffig und trocken und sie unterdrückte ein Husten, um die Ruhe dieses Ortes nicht zu stören. Fast unmerklich geschah etwas mit ihr. Ihr Inneres wand sich vom Leben ab und vergaß es. Lachen, Freude, Schmerz… Was war das gewesen? Sie hatte das Gefühl selber tot zu sein und durch die Unterwelt zu wandeln. Gleichzeitig kam ihr dieser Zustand vertraut vor. Nefertari bewegte sich auf ein Tor zu, und während sie durch die Galerie hinkte, drangen Stimmen an ihr Ohr.
„Erinnere dich, alles Irdische ist vergänglich und nur Seele und Geist leben ewig. Wenn der letzte Atemzug deinen Körper verlässt, werden sie frei sein.“
Die Prinzessin blieb vor dem Tor stehen, als hätte sie vergessen, dass man es öffnen oder daran klopfen konnte. Ihre Augen glitten über die vergoldeten Schriftzeichen, ohne den Sinn zu erfassen. Weshalb war sie hier? Hatte sie nicht nach Antworten gesucht?
„Willst du nicht eintreten?“, fragte eine tiefe Stimme und die Tür schwang nach innen. Nefertari schnappte nach Luft, als ein Mann mit Schakalkopf ihr entgegentrat. Ihre Lippen formten Nehjets Namen, bevor sie aus der Trance erwachte und erkannte, dass es sich um einen Priester handeln musste.
„Komm herein“, befahl er und Nefertari trat in eine kleine, runde Halle, die von einem Dutzend Fackeln erhellt wurde. Ihr Licht tanzte über einen goldenen Sarkophag in der Raummitte. Sein Deckel war zur Seite geschoben und der Priester sprach: „In den nächsten drei Tagen und Nächten wirst du in diesem Sarkophag ruhen und durch das jenseitige Reich reisen. Wie bei jeder Seelenreise vermag keiner vorherzusagen, was dich erwartet, aber ich versichere dir, diesmal wirst du weiter und tiefer eindringen als je zuvor. Selbst Begegnungen mit den Göttern sind möglich, und dass einige Götter schlimmer als Dämonen sind, ist dir bekannt. Der Aufenthalt dort und die Rückkehr sind die wahren Prüfungen, die du bestehen musst.“
Die Prinzessin erschauderte. Schon öfters hatte sie ihre Seele vom Körper gelöst und durch Nihlahn geschickt, allerdings hatte sie dabei nie in einem Sarkophag gelegen. Schlimmer noch war, dass sie auf keinen Fall zu früh zurückkehren durfte, ansonsten würde sie ersticken. Die Aussicht so zu sterben, versetzte Nefertari mehr in Angst als der Gedanke sich im jenseitigen Reich zu verirren. Unwillkürlich war sie einen Schritt zurückgewichen.
„Der Deckel wird geschlossen, nicht wahr?“ Die Frage entschlüpfte ihr, bevor sie sich wieder in der Gewalt hatte.
„Natürlich, die Wiederauferstehung ist der erkennbare Beweis eines Eingeweihten.“
Ein Teil in ihr flüsterte, dass das Wahnsinn war, trotzdem trat sie näher und zwängte sich in den Sarkophag. Nefertari schloss die Augen und atmete einige Male tief ein, während der Priester einen monotonen Gesang anstimmte. Er half ihr sich zu entspannen und sie merkte, wie ihr Herz immer langsamer schlug und ihre Atmung flacher wurde.
Dann wurde der Sarkophag geschlossen und ihr Herz machte einen Satz. Die Enge, die Dunkelheit und die Luft, die mit jedem Atemzug zu neige ging, weckten die Überlebensinstinkte ihres Körpers. Schrei, der Priester ist noch da, schoss es Nefertari durch den Kopf, doch ihre Zunge fühlte sich taub und schwer an. Sie musste loslassen. Tränen liefen aus ihren Augenwinkeln und versickerten im Haaransatz. Von ihren Füßen zog eisige Kälte herauf und breitete sich in ihr aus. Und plötzlich stand ihr Herz still. Die Zeit der Angst war vorbei. Sie war frei! Nefertari fühlte, wie sie anfing zu schweben. Immer höher glitt sie hinauf und als sie hinabblickte, sah sie unter sich den Tempel, der einsam am Rande der Wüste lag. Er schien zu leuchten, als ob alles Licht des Sternenhimmels ihm zuströmte, und etwas weiter entfernt schimmerte der Nih wie ein dunkler Saphir.
Auf einmal öffnete sich ein Tor zwischen den Welten und die Prinzessin wurde hineingesogen. Dunkle Wogen rissen sie umher, bis sie Nefertari endlich wieder ausspuckten. Sie prallte auf harten Boden, was ihr zeigte, dass sie sich auf einer Ebene befand, deren Bewohner sie wahrnehmen und angreifen konnten. Sie richtete sich auf. Die unmittelbare Umgebung war trostlos. Feuerseen spendeten unheimliches Licht und offenbarten zerklüftete, schwarze Felsen. Dies war die erste Unterwelt. Nefertari stand auf und sah sich um, um die Spur des Sonnengottes zu entdecken. Dabei handelte es sich um einen goldenen Fluss. Der Legende nach bestand er aus Anons Tränen. Seltsam, nirgends schimmerte es golden. Vielleicht weil sie diesmal den Übergang nicht selbst ausgelöst hatte. Normalerweise wurden nur die Verstorbenen in das jenseitige Reich gezogen. Einen Moment überschlugen sich ihre Gedanken. Ihr Körper befand sich in Starre, oder nicht? Langsam blickte sie zu ihren Füßen, von denen ein sanftes Silberleuchten ausging. Beinahe wäre sie vor Erleichterung in die Knie gesunken. Sie war noch mit ihren Körper verbunden! Solange es dieses Leuchten gab, konnte Nefertari ins Leben zurückkehren. Nun musste sie jedoch den Fluss finden. Wenn sie darauf vertraute, dass es jeden Menschen zu Anon hinzog, musste er sich links von ihr befinden. Sie machte sich auf den Weg. Abgesehen von Schlangen und hundsgroßen Skorpionen, die man zum Glück leicht mit magischen Sprüchen unschädlich machen konnte, begegnete sie keinem Wesen.
Als endlich am Horizont das ersehnte goldene Schimmern auftauchte, lächelte Nefertari. Eine Bewegung, die sie aus dem Augenwinkel wahrnahm, ließ sie den Kopf herumreißen. Alarmiert versuchte sie zwischen den Felsen etwas zu erkennen. Sie hatte das Gefühl, dass das, was sie gesehen hatte, hinter einem der großen Steinen lauerte. Ihre Augen überflogen den Weg zum Fluss und entdeckten einige Stellen, die wie geschaffen waren, um sie anzufallen. Während die Prinzessin betont gelassen weiterging, hielt sie soviel Abstand wie möglich zu den Felsen. Warum war sie innerlich so angespannt? In der ersten Unterwelt sollte es nichts Gefährliches geben, dennoch gab ihr diese Form des Anschleichens zu denken und auch der kurz erblickte Umriss erschien zu groß für einen Bewohner dieser Ebene. Was immer es war, Dämonen waren nicht für ihre Geduld bekannt und bestimmt würde dieser bald aus seiner Deckung kommen und sie angreifen.
Kaum noch hundert Schritte trennten Nefertari vom Fluss, als sie Laufschritte hinter sich hörte. Eine menschengroße Gestalt, die eine entfernte Ähnlichkeit mit einem Krokodil besaß, jagte auf kräftigen Hinterbeinen heran. Bei Anon, was war das? Für dieses Wesen hatte sie keinen Bannspruch. Es setzte zum Sprung an und das Maul öffnete sich, um ihr den Kopf abzureißen. Im letzten Moment beschwor sie Anons Aura. Der Dämon schrie gepeinigt auf und taumelte. Die grünen Schuppen glühten und zersprangen, die Haut darunter warf Brandblasen und platzte auf. Entsetzt wich Nefertari zurück, was den Dämon aus dem Bannkreis befreite. Aber zu spät, Anons Macht hatte ihn innerlich versengt.
„Sterbliche, eines Nachts wird die Finsternis mich wieder gebären und ich werde mich deiner erinnern. Fürchte meine Rache!“
Nach diesen Worten stützte er zu Boden und blieb leblos liegen. Einige Schritte ging Nefertari rückwärts, um das Wesen im Auge zu behalten, dann wandte sie sich um und eilte zum Fluss. Sein Schein überzog das Ufer mit goldenem Glanz und wärmte Nefertaris Seele. Die Prinzessin blickte zurück, aber die Umrisse des Leichnams waren kaum auszumachen. Er hatte sie verflucht. Tepoh hatte ihr eingeschärft, dass man vermied, Dämonen zu töten, denn mit jeder Wiedergeburt wurden sie stärker und im Gegensatz zu anderen Wesen vergaßen sie ihre vorherigen Leben nicht. Hoffentlich war dies der einzige unbekannte Dämon, dem sie begegnete.
Nefertari folgte dem Fluss zu einem Gebirge, wo er in einer Höhle verschwand. Ein unheilvolles Rauschen drang an ihr Ohr. Als sie die Höhle betrat, zog sie scharf den Atem ein. Das Wasser donnerte eine Klippe hinab und sein Licht verlor sich in der Tiefe. Der Abgrund schien bodenlos zu sein. Was nun? Ohne fremde Hilfe konnte sie nicht weiterkommen. Ein plötzliches Funkeln unter ihr erregte Nefertaris Aufmerksamkeit. Nur langsam wurde es größer. Die Prinzessin kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Eine kleine Barke stieg herauf und hielt an der Klippe. Weder besaß es einen Fährmann noch Ruder oder Segel. Statt einer einfachen Bank, erhob sich in seiner Mitte ein goldener Sessel, der mit Lapislazuli geschmückt war. Das schwebende Boot schaukelte leicht, als wollte es ihr deutlich machen, dass sie auf ihm weiterreisen sollte.
„Danke“, hauchte Nefertari, stieg hinein und setzte sich zu den Füßen des Sessels. Anstatt der Spur Anons zu folgen, glitt die leuchtende Barke geradewegs durch die Höhle, die sich immer weiter ausdehnte. Bald empfand die Prinzessin eine allumfassende Stille. Nichts schien wirklich zu existieren. Alles war Trug, ihre Vergangenheit, ihr Land, ihr Vater, ja sogar sie selbst. Ihr war, als saugte die Leere sie auf wie ein Schwamm Wasser. Stimmt, im ewigen Kreislauf des Lebens hatte sie verschiedene Namen getragen, und in einigen Jahrzehnten würde Nefertari sterben und irgendwann als anderer Mensch wiedergeboren werden. Obwohl dieser Gedanke traurig war, tröstete er auch. Ein neues Leben bedeutete andere Möglichkeiten. An diese Hoffnung hielt sich Nefertari fest und bekämpfte das seltsame Gefühl des Verschwindens. Es wich erst, als sie den Höhlenausgang erblickte. Die Barke setzte auf den Felsen auf, Nefertari kletterte heraus und schritt zügig dem Licht entgegen. Einen Augenblick war sie geblendet von einem wunderbaren Himmel, an dem die Sterne funkelten wie Juwelen im Geschmeide einer Königin und in dieser Himmelspracht erhob sich der Sphinx.
„Ich grüße dich, meine Tochter. Wie ich sehe, hast du die Höhle des Nichts erfolgreich durchreist. Ich bin nicht nur das Abbild des Anons, sondern auch der Hüter der Schwelle und gebe dir einen Rat. Löse dich von deinem alten Denken, denn hier im Jenseits genügt bereits der innige Wunsch, um woanders zu sein. Was willst du jetzt mit dieser Freiheit tun?“
Nefertari überlegte. So vieles wollte sie erfahren. Wie sah ihre Welt in Wirklichkeit aus? Sie konnte sich auch auf die Suche nach den Sinn des Lebens machen – oder nach dem Schöpfer aller Dinge selbst. Jäh erkannte die Prinzessin die Gefahr, die darin lag, alles wissen zu wollen. Wenn sie nicht aufpasste, würde sie wie ein Betrunkener von Frage zur Frage taumeln, ohne den Wissensdurst je stillen zu können. Also sollte Nefertari sich auf eine Sache beschränken.
„Ich möchte meine Welt sehen.“
„Seltsam, dass dies dein erster Wunsch ist“, murmelte der Sphinx, „aber er ist am einfachsten zu erfüllen. Du brauchst dich nur umzudrehen.“
Nefertari tat, wie ihr geheißen, und sah über dem Gebirge einen Planeten, der blau, grün und weiß leuchtete. Eine magische Aura des Lebens umhüllte ihn und eine tiefe Liebe durchflutete die Prinzessin. Sie wünschte sich, sie könnte diesen Anblick mitnehmen und mit allen Menschen teilen. Sie verharrte lange in diesen Gefühlen, bis ihr klar wurde, dass die Zeit unaufhörlich verrann. Sie wand sich wieder dem Sphinx zu.
„Ich werde nun zurückkehren, denn die Geheimnisse jenseits dieser Welt sind noch nicht für mich bestimmt, aber ich bin dankbar, dass ich dir hier begegnen durfte.“
Der Sphinx ließ sich nicht anmerken, ob er ihre Entscheidung guthieß, sondern verabschiedete sich mit einem Segen. Nefertari konzentrierte sich auf ihren Körper und konnte ihn augenblicklich spüren. Als sie ihre Augen aufschlug, fiel Licht in den geöffneten Sarkophag, denn die drei Tage und Nächte waren vorüber. Die Prinzessin erhob sich aus ihm und stellte beim Auftreten fest, dass ihr Fuß geheilt war. An der Tür wartete ein Priester und nickte ihr zu, dann öffnete er die Tür und ging voraus. Überrascht sah Nefertari, dass nicht länger die Galerie mit den Gebeinen vor ihr lag, sondern ein heller Gang. Wie war das möglich? Gab es einen Mechanismus, mit dem man den runden Raum drehen konnte? fragte sich die Prinzessin, bis sie eine steinerne Wendeltreppe erreichten. Viele Stufen erklommen sie, bevor sie durch eine weitere Tür in einen Innenhof mit hohen Mauern traten. Der Priester blieb zurück, während Nefertari zu einem Podest schritt, auf dem eine goldene Statue des Gottes Anon und der Hohepriester Tepoh standen. Nefertari lächelte. Bald konnte sie zu ihrem Vater zurückkehren und bestimmt würde er ihr nun mehr zu trauen.

Ren zupfte seine Kleidung zurecht und überprüfte seine Erscheinung im großen Spiegel, der ihm einen hoch gewachsenen, gutaussehenden Mann zeigte. Wie die meisten Männer seines Standes trug er einen Lendenschurz und ein Hemd aus weißen Leinen. Dazu kamen eine dunkelblaue Schärpe als Zeichen seines Ranges und ein am Oberarm blitzender Armreif. Er sah seine sechs Begleiter an und musterte sie. Diese Männer hatten die Ehre, der Königstochter den Treueid zu schwören und sie fortan zu beschützen. Bis auf Chaba schienen alle seine Unruhe zu teilen. Als ein plötzliches Funkeln in die Augen des kleinen Mannes trat, wusste Ren, dass nun etwas folgte, das ihn entweder aufheitern oder ärgern würde.
„Beruhige dich, wie du doch selbst gesagt hast: Es wird keine sehr aufregende Sache werden, auf eine Prinzessin aufzupassen.“ Chaba grinste boshaft. „Oder flattert dein Herz aus einem anderen Grund?“
Ren schnaubte: „Unsinn!“
„Lass mich überlegen. Vor ungefähr vier Jahren erblickte ein Jüngling namens Ren ein hübsches Mädchen, und wenn ich mich recht erinnere, hieß es Nefertari und war die Tochter des Königs von Nihlahn. Aus hübschen Mädchen werden im Allgemeinen schöne Frauen.“
„Das war vor vier Jahren und hat mit der derzeitigen Situation nichts zu tun! Unserer zukünftigen Herrin und Königin müssen wir mit größtmöglichen Respekt begegnen.“
„Schade, dass sie nur eine Frau ist“, seufzte Imichet, der mit seinen achtzehn Jahren der Jüngste unter ihnen war, „mit einem Prinzen würden wir viele aufregende Kämpfe erleben.“
„Nur eine Frau?“, wiederholte Sebek, „Frauen sind etwas Wunderbares, das wirst du noch merken, wenn du älter bist.“
„Ich bin nicht so unerfahren, wie du denkst!“
„Nun“, sagte Nebka, „wenn sie wirklich die Hyänen erlegt hat, ist sie eine sehr außergewöhnliche Frau. Ich bin gespannt darauf, sie kennen zu lernen.“
„Wenn dem so ist, solltet ihr sie nicht länger warten lassen“, ertönte eine fremde Stimme.
Sie fuhren alle gleichzeitig zur Tür herum und erblickten einen älteren Priester. Obwohl sein Gesicht nichts von dem verriet, was er fühlte oder dachte, schoss Ren das Blut in den Kopf. Wie lange hatte der Priester da schon gestanden?
Der Weg zum Audienzsaal war nicht weit, aber Ren stellte sich unbehaglich die Frage, ob er sich schon den Zorn seiner neuen Herrin zugezogen hatte. Als er mit seinen Männern eintrat und die Prinzessin erblickte, wäre Ren beinahe stehen geblieben. Das kann unmöglich eine Sterbliche sein, dachte er, sie strahlt wie eine Göttin. Wie Wind umschmeichelte ein langes, weißes Kleid die schlanke Gestalt und ein goldenes Diadem krönte ihr Haupt. In den dunkelbraunen Augen lag etwas Kühnes, das ihn verwirrte.
Als sie zu ihren Füßen niederknieten, erhob sich die Prinzessin vom Thron. Erleichtert stellte Ren fest, dass sie nicht verärgert war. Er senkte sein Haupt.
„Ich, Ren, Sohn des Gaufürsten Sipah, bin von Eurem Vater auserwählt worden, Eure Leibgarde zu führen. Diese Männer hier haben sich im Kampf durch Mut, Stärke und Verstand ausgezeichnet und möchten Euch heute den Treueeid schwören.“
Die junge Frau neigte zum Einverständnis den Kopf, so trat jeder der Männer vor und schwor: „Anon und seine Tochter Meret seien meine Zeugen. So wie die Augen der Götter über Nihlahn wachen, werden meine über Euch wachen. Ich werde Euer Leben verteidigen und Eure Feinde besiegen. Treu werde ich Euch dienen, bis mein Leben endet oder Ihr mich aus Euren Diensten entlässt. Wenn ich diesen Schwur jemals breche, soll mein Herz beim Totengericht von der Verschlingerin vertilgt werden.“
„So sei es“, erwiderte die Prinzessin. „Bei der Göttin der Gerechtigkeit Meret, die ich verwirklichen und bewahren soll, gelobe ich, meine Aufgabe gewissenhaft zu erfüllen. Sie besteht darin, Nihlahn zu verteidigen und zu seinem Wohl zu handeln. In dunklen Stunden, wenn euch eurer Mut zu verlassen droht, werden meine Worte und meine Anwesenheit euch daran erinnern, dass unser Kampf das Überleben unseres Reiches sichert.“
Ren und seine Männer erhoben sich und wollten gerade abtreten, aber da hob die Prinzessin die Hand und sprach: „Ich weiß, die Abreise ist erst nächste Woche geplant. Wäre es möglich, morgen schon abzureisen? Mich drängt es, meinen Vater wiederzusehen.“
Ren unterdrückte seine Überraschung. Gewöhnlich verschwendeten Adelige keine Zeit damit, zu fragen, ob etwas möglich war oder nicht, sondern befahlen es einfach. Die Diener hatten dann dafür zu sorgen, dass sich ihre Wünsche erfüllten. Gehörte die Prinzessin zu den wenigen Adeligen, die Rücksicht nahmen? Das würde ihre Aufgabe vereinfachen. Nachdem er kurz überlegt hatte, antwortete Ren: „Die Eskorte zu Eurem Schiff wird morgen früh bereit sein, Gebieterin.“