Der kleine Nachtmahr Pollux 1 – Gewissen


Noch nie war ein Sonnenstrahl in die zerklüfteten Ebenen der Unterwelt gedrungen. Große, feuerspeiende Vulkane thronten über ihr und tauchten alles in ein unheimliches Licht. Durch diese bizarre Welt galoppierte eine Herde Nachtmahre. Wenn nicht die rot glühenden Augen gewesen wären, hätte man diese Geschöpfe vielleicht für Pferde halten können. Ihr Fell schimmerte schwarz, und Mähnen und Schweife flatterten wie Siegesfahnen.
Pollux, das einzige Fohlen unter den Nachtmahren, schnappte spielerisch nach einer Strähne seiner Mutter. Sie entglitt ihm und kitzelte wieder seine Nüstern. Normalerweise wäre er vorausgelaufen, um dem zu entgehen, aber heute durfte er zum ersten Mal mit in die Welt der Menschen. Weil sich seine eigenen Kräfte noch nicht entwickelt hatten, musste er dicht bei seiner Mutter Lilith bleiben. Ihr Körper strahlte eine eigenartige Hitze aus, die von Minute zu Minute stärker wurde. Doch Pollux machte sich keine Sorgen um sie, denn er hatte gesehen, dass einige Nachtmahre sogar Lava tranken.
Auf einmal wallten Rauchschwaden aus Liliths Nüstern. Sie rochen nach frischem Ruß und trockneten die Augen aus, sodass sie sich wie glatte Kiesel anfühlten. Pollux bemerkte, dass die anderen ebenfalls Rauch ausstießen. Wie auf ein unhörbares Kommando hielten plötzlich alle Nachtmahre an, und der Rauch hüllte sie völlig ein. Als Pollux wieder etwas erkennen konnte, befanden sie sich nicht mehr in der Unterwelt. Ihre Umgebung war in einen silbernen Schein eingetaucht, und der kleine Nachtmahr entdeckte hoch über ihnen eine silberne Kugel. Auch der Boden unter seinen Hufen fühlte sich anders an. Er gab etwas nach und duftete süßlich.
Die Herde stieg in die Lüfte auf und ließ Pollux mit seiner Mutter zurück, denn das junge Fohlen konnte noch nicht fliegen.
Lilith sprach: „Pollux, wir gehören nicht in diese Welt und die Menschen können uns weder sehen noch hören, solange sie leben.“
Pollux hörte seiner Mutter nur mit einem Ohr zu, weil so viele neue Geräusche, Gerüche und Farben auf ihn einströmten. Die pupillenlosen Augen eines Nachtmahrs konnten im Dunkeln mühelos die verschiedenen Farben voneinander unterscheiden. Warum leuchteten sie in der Menschenwelt viel kräftiger und reiner als in der Unterwelt? Dieser Ort erschien ihm wie verzaubert.
„Wo sind wir?“, fragte er.
„Diese kleinen Naturanlagen werden Parks genannt. Du wirst schnell das Wichtigste über die Menschen lernen, wenn du in ihre Träume eindringst. Komm, wir werden welche suchen, die schlafen.“
Pollux folgte seiner Mutter, und sie entdeckten auf einer Bank zwei Menschen. Sie saßen dicht aneinander geschmiegt. Obwohl sie die Augen geschlossen hatten, schliefen beide aber nicht. Vorsichtig schlich sich Pollux näher und schnaubte der Frau in den Nacken. Mit einem spitzen Schrei sprang diese auf.
Überrascht fragte der Mann: „Was ist los, Liebling?“
Die Frau errötete.
„Nichts, nur ein kalter Luftzug.“
Nachdem sie sich wieder gesetzt hatte, blickte sie sich verwirrt um. Sie sah direkt in Polluxs Richtung, ohne ihn zu bemerken.
„Wenn dir kalt ist, sollten wir nach Hause gehen. Ich will nicht, dass du krank wirst.“
Wieder errötete die Frau und stand mit dem Mann auf. Arm in Arm entfernten sich die Menschen von den Nachtmahren.
Verächtlich schnaubte Lilith: „Ich kann Liebespaare nicht ausstehen. Hoffentlich hat dir dein kleiner Streich bewiesen, dass du dich in dieser Welt frei bewegen und auf deine Aufgabe konzentrieren kannst. Mache deinen Vater stolz!“
„Ich bin ihm noch nie begegnet.“
„Noch nie sind seltsame Worte für ein Wesen, das so jung ist wie du.“
„Bist du wütend auf mich?“
„Nein, eher erheitert. Dein Vater Nyx ist das Reittier des Teufels und hat wichtige Pflichten zu erfüllen.“
„Wer ist der Teufel?“
„Der Teufel ist der Herrscher der gefallenen Seelen, und jeder Nachtmahr sollte danach streben, ihm zu dienen.“
Pollux fragte sich, was Seelen waren. Und wenn sie gefallen waren, warum standen sie nicht einfach wieder auf? Das täte er zumindest. Seine Mutter schien seine Verwirrung zu bemerken.
„Oh, es tut mir leid. Du wirst es verstehen, wenn du älter bist.“
Diese Antwort ließ Pollux die Nüstern krausziehen, aber nur einen Augenblick, denn vermutlich wäre eine Erklärung sowieso langweilig gewesen.
Mittlerweile hatten sie den Park verlassen, und das weiche Gras war hartem Kopfsteinpflaster gewichen. Dicht an dicht hatte man Häuser gebaut, und die Gärten kamen Pollux winzig vor. Ein Nachtmahr musste nur ein paar Schritte gehen, bevor er mit der Nase an den Nachbarszaun stieß. Wie konnte man in so etwas leben? Seine Mutter trat durch eine offen stehende Gartenpforte und wandte den Kopf.
„Schaue gut zu und lerne.“
Sie ging durch die geschlossene Haustür, als wäre diese aus Luft. Verwirrt beschnupperte Pollux die Tür. Eindeutig ein harziger Geruch, also konnte das keine Illusion sein.
„Komm schon“, erklang Liliths Stimme von der anderen Seite. „Oder hast du etwa Angst? Ein Nachtmahr darf nichts fürchten, denn er soll selbst Schrecken verbreiten.“
Pollux schloss die Augen und machte den ersten Schritt. Statt gegen das Holz zu stoßen, glitt er hindurch. Beklommen sah er sich um und wünschte sich, er hätte das Haus gleich wieder verlassen können. In dem kleinen Raum hatte er fast das Gefühl ersticken zu müssen. Doch seine Mutter führte ihn in den nächsten Raum zu einer schlafenden Frau.
„Beobachte sie genau“, befahl Lilith Pollux und schnaubte dem Menschen ins Gesicht.
Zuerst schien nichts zu passieren, aber dann warf die Frau den Kopf hin und her. Schweiß begann ihr über das verzerrte Gesicht zu laufen, und sie stammelte: „Nein, nein, nicht.“
„Was ist mit ihr?“
„Sie hat einen Alptraum, den ich ihr eingehaucht habe. Unsere Aufgabe ist es nämlich, die Träume der Menschen zu stören und ihnen Angst einzujagen. Wir können Lebewesen dadurch sogar töten. Leider beherrschen nur wenige Nachtmahre diese hohe Kunst. Gehen wir in das nächste Haus.“
Pollux erschauderte, während er seiner Mutter gehorchte. Sein kleiner Streich im Park war etwas völlig anderes gewesen als das, was Lilith tat. Sie ließ die Menschen leiden, und der Gedanke, dass sie nur deshalb in dieser Welt waren, verstörte ihn.
Das nächste Haus hatte mehrere Bewohner. Im Dachgeschosszimmer schlief ein Junge und seinem Bett gegenüber befand sich ein Käfig. Dort lief ein kleines Tier in einem Rad. Pollux spürte einen Stich der Traurigkeit. Gleichgültig, wie lange das Tier lief, es kam nicht vom Fleck. Schließlich hielt es inne und rollte sich zusammen.
„Mein Sohn, es wird Zeit, dass du deinen ersten Alptraum bringst“, sagte seine Mutter. „Nehme zum Üben diesen Hamster. Tieren kann man leicht Alpträume bringen. Atme tief ein und fühle die Hitze in dir.“
Pollux wusste nicht genau, was seine Mutter meinte, aber er holte tief Luft und hielt den Atem an. Ein Funken schien sich in ihm zu entzünden, und aus seinen Nüstern stieg Qualm.
„Sehr gut, du hast es beim ersten Versuch geschafft! Das habe ich nicht erwartet. Nun hauche den Hamster an.“
Innerhalb weniger Augenblicke war das kleine Tier in der Rauchwolke verschwunden. Dennoch konnte Pollux spüren, wie es zu zittern begann. Auf einmal wusste er, dass der Hamster Moritz hieß. In seinem Geist blitzten Bilder aus dessen Leben auf. Tag aus, Tag ein hatte er in diesem Käfig verbracht und von der weiten Steppe seiner Ahnen geträumt. Polluxs Sicht verschwamm plötzlich, und um ihn herum wirbelten Rauchschwaden. Was war geschehen? Wo war er? Verwirrt sah er sich um und bemerkte, dass ein paar Schritte vor ihm Moritz saß. Der Hamster wandte sich um. Seine trüben Augen waren blind.
„Wer bist du?“
„Ich bin Pollux.“
„Bist du hier, um mich abzuholen?“
„Nein, meine Mutter hat mich hierher gebracht. Hattest du einen unangenehmen Traum?“
„Ja, ich habe geträumt, für immer in diesem winzigen Käfig leben zu müssen. Das war schrecklich!“
Pollux erinnerte sich, welche Beklemmung er gespürt hatte, als er das erste Haus betreten hatte. Er begriff, dass es falsch war, Alpträume zu bringen. Wieso mussten Nachtmahre so etwas tun? Konnten sie diese Welt nicht einfach besuchen, um sie zu erforschen? Das wäre bestimmt schön und aufregend.
„Es tut mir leid“, flüsterte der kleine Nachtmahr.
„Mach dir keine Gedanken. Ich weiß, dass ich nicht mehr dorthin zurückkehren muss.“
Ein Licht erschien und vertrieb die Rauchschwaden. Das Leuchten ging von einer Frau mit großen, weißen Schwingen aus. Lächelnd landete sie vor ihnen.
„Moritz, komme mit mir.“
Als ihr Licht den Hamster berührte, sprang dieser auf und hüpfte auf die Handfläche der Frau.
„Ja, lass uns gehen. Ich fühle mich wieder jung und voller Tatendrang.“
Einer der Lichtstrahlen berührte auch Pollux, und eine unbestimmte Sehnsucht erfüllte ihn. Er trat einen Schritt vor und fragte: „Wohin geht ihr? Was ist das für ein Licht? Und wer bist du?“
Die geflügelte Frau lächelte nachsichtig.
„So viele Fragen und so wenig Zeit. Ich bin ein Engel, ein Bote Gottes.“
„Wer oder was ist Gott?“
„Frage deine Eltern, kleiner Nachtmahr. Wir müssen jetzt gehen, und du musst ebenfalls zurück. Wenn du dich im Traum eines Wesens befindest, das stirbt, kann es dich mit in den Tod reißen. Ich möchte nicht, dass deine Seele diese Reise schon antritt. Du hast noch viel zu entdecken.“
Das Licht drängte Pollux zurück, und im nächsten Augenblick befand er sich wieder im Zimmer und schaute auf den toten Hamster. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Wohin war Moritz gegangen? Würde er jemals wieder kommen? Die Stimme seiner Mutter riss ihn aus den Gedanken.
„Ich habe dir gesagt, dass es eine hohe Kunst ist, einen anderen durch einen Alptraum den Tod zu bringen. Weil der Hamster aber alt und schwach war, darfst du dir nichts darauf einbilden. Trotzdem hast du mich ein zweites Mal überrascht, um ehrlich zu sein. Du hast nicht nur einen Alptraum gesponnen, sondern bist auch gleich in den Geist des Hamsters eingedrungen. Das hätte schlimm enden können. Trenne sofort die Verbindung, wenn dein Opfer stirbt – oder du stirbst mit ihm.“
Also hatte der Engel Pollux auch das Leben gerettet.
„Mutter, wer ist Gott?“
Liliths Fell stellte sich auf und ihre Stimme wurde streng.
„Wie kommst du auf diesen Namen?“
„Ich habe ihn im Moritzs Traum gehört, und ich“, Pollux suchte nach Worten, um seine Erfahrung zu beschreiben, „ich habe etwas gespürt.“
„Was?“ Lilith zog scharf die Luft ein. „Wir kehren sofort heim!“
Eine Stoßwolke Rauch hüllte sie beide ein, und sie befanden sich wieder in den Ebenen der Unterwelt. Erschöpft schnaubte seine Mutter. Ihre Augen jedoch loderten vor Zorn. Wäre Lilith ein Vulkan gewesen, wären gewiss Lava und Asche niedergeregnet.
„Warum bist du so wütend, Mutter? Wer ist Gott?“
„Der Herr des Himmels – unser Feind!“
Pollux glaubte ihr nicht. Dieser geflügelte Mensch war freundlich gewesen, und ein Feind hätte ihn sicher angegriffen. Wieso wollte seine Mutter ihn nicht mehr über Gott erzählen? Das Licht hatte sich so warm und freundlich anfühlt.
„Komm!“, befahl Lilith, „wir müssen noch etwas laufen. Spurte dich.“
Seine Mutter galoppierte los, und Pollux blieb nichts anderes übrig als ihr zu folgen. Am Horizont erschien ein flimmerndes Rot. Als sie nähergekommen waren, erkannte der kleine Nachtmahr, dass sich ein riesiger Lavasee vor ihnen ausbreitete. Aus den glühenden Wellen erhob sich groß wie ein Berg eine Festung, zu der eine Brücke führte. Die Lava brodelte und zischte, als ärgerte sie sich über die Brücke.
Seine Mutter stieß ein schrilles Wiehern aus, und nach einer Weile erklangen Hufschläge. Ein einzelner Nachtmahr lief über die Brücke und hielt vor ihnen an.
„Warum rufst du mich?“
„Unser Sohn hatte Kontakt mit einem Engel.“
Nyx musterte ihn, und Pollux hätte sich am liebsten unsichtbar gemacht. So hatte er sich sein erstes Treffen mit seinem Vater nicht vorgestellt. Ohne ein Wort zu sagen, senkte Nyx den Kopf und blies ihm Rauch ins Gesicht. Als Pollux ihn einatmete, musste er husten, und kalte Hitze durchfuhr seinen Körper. Seine Zähne begannen zu klappern, als hätte er Fieber, und er konnte sich kaum auf den Beinen halten. Die kalte Hitze schien sein Inneres zu zerpflücken, auseinanderzureißen und dann wieder zusammenzuschmelzen. Nachdem es endlich vorbei war, blickte Pollux zur Erde. Er wollte seine Eltern nicht anschauen.
Leise fragte Lilith: „Ist alles wieder in Ordnung, Nyx?“
„Natürlich.“
Wieso taten seine Eltern so, als wäre er krank gewesen? Hätten sie ihn gefragt, dann hätte Pollux geantwortet, dass er sich erst jetzt krank fühlte.
„Allen Dämonen sei Dank“, hauchte seine Mutter.
„Sorge dafür, dass er nicht erneut in Schwierigkeiten gerät. Ich kehre nun in die Festung zurück.“
Lilith nickte und trieb Pollux vor sich her. Als sie die Festung hinter sich gelassen hatten, entschied seine Mutter, dass es Zeit wäre zu schlafen. Pollux schmiegte sich dicht an sie und lauschte ihren Atemzügen, bis er selbst einschlief. Undeutlich erschien die Gestalt des Engels vor ihm und flüsterte: „Wenn du Gott suchst, wirst du ihn finden.“
Mit Tränen in den Augen wachte der kleine Nachtmahr auf und fühlte, dass er etwas verloren hatte. Nicht nur das warme Licht, sondern auch das Vertrauen zu seinen Eltern war fort. Auf keinen Fall wollte Pollux dem Teufel dienen und werden wie sein Vater, der kein einziges Wort mit ihm gesprochen hatte. Stattdessen wollte er den Engel wiedersehen und Gott kennenlernen.
Vorsichtig hob er den Kopf, um nach seiner Mutter zu sehen. Sie schlief tief und fest, Pollux stand leise auf und machte sich auf den Weg. Schade, dass er sich nicht von ihr verabschieden durfte. Wenn Lilith erführe, was er vorhatte, brächte sie ihn noch einmal zu seinem Vater. Nachdem Pollux seine Mutter nicht mehr in der Ebene erkennen konnte, galoppierte er los.
Vier Tage reiste der kleine Nachtmahr alleine durch die Unterwelt. Gerade als er sich fragte, wie er den Engel finden konnte, schrie jemand: „Hilfe! Lasst mich gehen, ihr Scheusale!“
Pollux spitzte die Ohren. Der Ruf war aus der Grube vor ihm gekommen. Neugierig, aber leise schlich er näher und spähte über den Rand. Er erblickte zwei kleine Quälgeister und ein Mädchen von etwa acht Jahren, das die Dämonen wütend ansah.
„Die Kleine hat trotz der Fesseln ein freches Mundwerk, findest du nicht, Awo?“
„Du hast Recht, Ven. Sie sollte zittern vor uns.“
Polluxs Ohren spielten vor und zurück. Seine Mutter hatte ihm gesagt, dass Quälgeister feige und dumm waren. Also konnte er sie sicher mit einer List vertreiben.
„Hey, ihr beiden! Seid ihr zufällig Ven und Awo?“
Die Dämonen blickten auf und ihre gelben Gesichter schienen eine Spur blasser zu werden.
„Warum willst du das wissen?“
„Oh, ich habe einen Temisdämon getroffen, der verärgert eure Namen murmelte. Habt ihr etwas angestellt?“
Die beiden Dämonen antworteten nicht und schienen vor Schreck erstarrt zu sein. Eigentlich hatte Pollux gehofft, sie würden sofort fliehen. Scheinbar besorgt warf er einen Blick über die Schulter.
„Noch ist er nicht zu sehen, doch es kann nicht mehr lange dauern.“
Endlich kam Bewegung in die Dämonen.
„Er ist hierher unterwegs?“
„Wir müssen fort, Awo!“
„Sage ihm, dass wir ihn nur verlassen haben, um ein besonderes Geschenk für ihn zu finden.“ Awo deutete auf das Mädchen, und Ven fügte hinzu: „Ja, und als seine treuen Diener haben wir uns gleich auf den Weg gemacht, um mehr zu finden.“
Eilig flatterten sie davon, und Pollux sprang zu dem Mädchen in die Grube.
„Keine Sorge, ich werde dich befreien. Mein Name ist Pollux.“
„Ich heiße Melanie.“
Mit seinen Zähnen löste der kleine Nachtmahr die Fesseln, und das Mädchen rieb sich die Handgelenke.
„Danke.“
„Was machst du hier? Du bist doch ein Mensch.“
„Das frage ich mich auch. Vielleicht ist dies alles ein Traum. Weißt du, ich war gerade dabei Hausaufgaben zu machen, da drang ein komischer Gestank in mein Zimmer. Ich stand auf und ging in den Flur. Entsetzt sah ich, dass Rauch unter der Tür meines Bruders hervorquoll, und riss sie auf. Tim lag auf dem Boden, und der schwarze Rauch drang direkt aus seinem Körper. Ich lief zu ihm, um ihm zu helfen, doch der Rauch griff wie Ranken oder Tentakel nach mir.“ Melanie schüttelte sich vor Ekel. „Als ich aufwachte, war ich hier und Tim fort. Hast du ihn vielleicht gesehen?“
Pollux schüttelte den Kopf und schlug vor: „Warum kommst du nicht mit mir? Ich bin auf der Suche nach einem Engel und Gott.“
Melanie riss die Augen auf.
„Du machst Witze. An diesen Ort findet man eher den Teufel.“
„Es stimmt, dass ich nicht weiß, wo ich Gott finden kann, aber irgendwo muss ich anfangen zu suchen.“
Das Mädchen knabberte auf seiner Unterlippe herum.
„Ich werde mit dir kommen. Schließlich sollte Gott wissen, wo mein Bruder ist.“
Gemeinsam gingen sie weiter, und Melanie befragte Pollux über die Unterwelt. Sie konnte ihre Enttäuschung nicht verbergen, als sie merkte, dass er zu jung war, um selber viel zu wissen.
„Tut mir leid“, sagte Pollux leise.
„Schon gut. Immerhin hatte ich das Glück, das vermutlich einzig freundliche Wesen hier zu finden.“
Der kleine Nachtmahr freute sich über das Lob, aber ein paar Schritte später blieb er verwirrt stehen. Ein Schaudern überlief ihn.
„Was ist denn?“
„Ich habe das Gefühl, dass wir beobachtet werden.“
Sie schauten sich um, ohne etwas zu entdecken. Alles schien in Ordnung zu sein. Trotzdem beschlossen die beiden Kinder, schweigend weiter zu gehen und auf der Hut zu sein.
„Tsst, tst, was habt ihr nur für Eltern, die euch alleine umherstreifen lassen?“
Die beiden erstarrten und blickten auf. Eine vogelartige Frau mit grauem Gefieder schwebte über ihnen. Sie hatten ihre Flügelschläge nicht gehört.
„Was ist das?“, flüsterte Melanie Pollux zu.
„Ich weiß es nicht“, gab er zu.
„Ich bin eine Rashin, meinen Namen allerdings habe ich vergessen.“
Der kleine Nachtmahr wünschte, seine Mutter hätte ihm auch etwas über dieses Wesen erzählt. Besorgt betrachte er die langen Beine, die in scharfen Krallen endeten. Vielleicht würde das Geschöpf sie in Ruhe lassen, wenn es wüsste, wer Polluxs Vater war.
„Ich bin Pollux, Sohn des Nyxs.“
„Willst du dieses Mädchen dem Herrn deines Vaters ausliefern? Das kann ich nicht zulassen!“
Das Wesen packte Melanie und riss sie mit sich in die Lüfte. Pollux galoppierte ihnen hinterher und rief: „Warte, du irrst dich!“
Die Rashin ignorierte ihn und flog auf einen Felsen zu, der wie ein ermahnender Zeigefinger zum Himmel wies. Nachdem sie mit Melanie in einer Höhle verschwunden war, blieb Pollux ratlos stehen. Was sollte er tun? Er konnte keine so steile Wand hinaufklettern.
„Pollux!“ Melanies Kopf erschien im Höhleneingang, und ihr Gesicht wurde bleich. Auch sie hatte anscheinend erkannt, dass nur jemand mit Flügeln ihr helfen konnte.
„Vorsichtig, mein Kind, du willst doch nicht stürzen.“
„Was hast du mit ihr vor?“, rief der kleine Nachtmahr.
„Ich werde mich um sie kümmern.“
„Du brauchst dich nicht um mich kümmern! Pollux und ich kommen alleine klar.“
„Weißt du überhaupt, was er ist? Er ist ein Nachtmahr, und diese Geschöpfe bringen den Menschen schreckliche Träume. Die Worte Nachtmahr und Alptraum bedeuten nämlich dasselbe.“
„Pollux ist anders!“
„Nein, das ist er nicht. Ach, Kind, bestimmt hattest du einen anstrengenden Tag. Versuche etwas zu schlafen.“
Die Rashin begann, ein Wiegenlied zu singen, und darin lag so viel Zärtlichkeit, dass es fast wehtat, ihr zuzuhören. Als die Vogelfrau die Arme um Melanie legte, wehrte diese sich nicht und ließ sich in die Höhle ziehen. Ein Traum streifte ihn, und Pollux wusste, dass Melanie eingeschlafen war.
Der kleine Nachtmahr beschloss abzuwarten, und nach einigen Stunden fühlte er einen weiteren Traum. Er drang in das Bewusstsein der Rashin ein und fühlte sich hin und her geworfen, bis er im Strudel des Chaos etwas spürte. Früher war die Rashin ein freundliches Geschöpf gewesen und hatte in Gestalt eines Storches Seelen zu ihren zukünftigen Eltern getragen. Eines Tages jedoch war sie zu ihrem eigenen Nest zurückgekehrt und hatte ihre Kinder ermordet vorgefunden. Der Schmerz hatte sie wahnsinnig werden lassen. Pollux nahm das schreckliche Bild und verwebte es mit seinen Erinnerungen an den Engel.
Im Traum murmelte die Rashin: „Das ist richtig – wie konnte ich das vergessen? Meine Kinder sind längst im Himmel, aber ich war zu schwach, den Verlust zu ertragen.“
„Ich glaube, jede Mutter hätte davon den Verstand verloren“, antwortete Pollux.
Verwirrt sah sich die Rashin um.
„Bist du der kleine Nachtmahr, der das Mädchen begleitet hat?“
Pollux begriff, dass sie ihn nicht sehen konnte.
„Ja, ich bin es.“
„Ich danke dir. Du hast meinen Geist und meine Seele geheilt.“
„Wirst du Melanie wieder freilassen?“
„Natürlich.“
Pollux zog sich aus dem Traum zurück und blickte zum Höhleneingang hoch. Die Rashin kam mit Melanie herausgeflogen und setzte sie vorsichtig neben dem Nachtmahr ab. Kurz darauf wachte Melanie auf und rieb sich die Augen.
„Was ist denn passiert?“ Sie erblickte die Rashin und sprang auf. „Du-“
„Alles in Ordnung“, versicherte Pollux Melanie. „Sie hat dich wieder freigelassen, und sie hat es auch nicht böse gemeint.
Die Vogelfrau stieß einen Seufzer aus.
„Ich habe so viel wiedergutzumachen. Zunächst muss ich wohl die Seelen, die ich gesammelt habe, zu Gott zurückbringen.“
„Du kennst den Weg zu Gott?“, fragte Melanie misstrauisch.
„Natürlich, im Süden der Unterwelt gibt es einen Berg, von dessen Gipfel ein Lichtstrahl in den Himmel führt. Der Lichtstrahl wird von zwei Engeln bewacht.“
Pollux rief aus: „Endlich kennen wir den Weg und können zu Gott!“
Die Rashin schüttelte den Kopf.
„Ihr seid nicht tot und könnt daher nicht auf den Lichtstrahl reisen.“
„Bist du denn tot?“
„Nein, ich gehöre zu den wenigen Wesen, die sich frei zwischen Himmel, Erde und Unterwelt bewegen können. Was möchtet ihr denn von Gott?“
„Melanie sucht ihren Bruder, und ich möchte Gott kennenlernen, weil ich einem Engel begegnet bin.“ Beschämt fing Pollux an, mit dem rechten Huf zu scharren. „Vielleicht bin ich einfach nur neugierig.“
„Du bist ein außergewöhnlicher Nachtmahr. Ich führe euch gerne zum Berg, wenn ihr möchtet. Das ist auch der sicherste Ort der Unterwelt. Dämonen meiden ihn, und wenn ihr wartet, frage ich für euch nach.“
Pollux wollte das Angebot gerne annehmen, doch ihm war klar, dass er das nicht alleine entscheiden konnte. Bittend sah er Melanie an, doch die ließ sich Zeit mit der Antwort.
Nach einigen Minuten sagte das Mädchen: „Einverstanden.“
„Dann folgt mir. Mein Name ist übrigens Lirena.“
Die Rashin erwies sich als gute Führerin, und nach einer Reise von drei Tagen erblickten sie den Berg. Je näher sie ihm kamen, desto deutlicher wurden seine Umrisse. Im Gegensatz zu den Vulkanen war er nicht zerklüftet, und ein sanft gewundener Pfad führte zum Gipfel. Als Melanie und Pollux den Gipfel betraten, bemerkten sie, dass Millionen von farbigen Funken um den weißen Lichtstrahl tanzten.
„Das ist ja wunderschön“, flüsterte Melanie.
Pollux nickte und sein Herz begann auf einmal zu hämmern. Beunruhigt sah er zu den beiden Engel, die bereits in ihre Richtung schauten. Lirena hatte ihnen erzählt, dass sie Mirel und Wariel hießen.
„Kommt, lasst uns zu ihnen gehen“, sagte die Rashin und flog voraus.
Etwas eingeschüchtert folgten Pollux und Melanie ihr. Der kleine Nachtmahr fand, dass Wariel sehr ernst wirkte. Die langen, blonden Haare waren streng zurückgebunden, und seine Hand ruhte auf dem Knauf seines Schwertes.
„Lirena, du warst lange verschollen“, sprach Wariel. „Was ist geschehen?“
„Ich erlag der Dunkelheit in meinen Herzen.“
Mirels Locken fielen ihm ins Gesicht, als er den Kopf neigte und antwortete: „Es liegt nicht an uns zu urteilen. Reise auf den Lichtstrahl in den Himmelspalast.“
„Das werde ich tun, aber zuvor bitte ich euch, auf diese beiden Kinder achtzugeben.“
Die beiden Engel nickten, und die Rashin wandte sich an Pollux und Melanie.
„Ich werde Gott eure Anliegen vortragen.“
Verunsichert warf Pollux einen Blick auf Wariel.
„Nein, bitte erzähle ihm nur Melanies, denn meins ist nicht so wichtig. Ich bin schon glücklich bis hierher gekommen zu sein.“
„In Ordnung, dann mache ich mich jetzt auf den Weg, damit Melanie ihre Antwort so schnell wie möglich bekommt.“
Nachdem Lirena in den Lichtstrahl geflogen war und ihre Umrisse darin verschwunden waren, erhielt Pollux einen Stoß in die Seite.
„Ich muss mit dir reden.“ Melanie sah Mirel an und wies auf ein paar große, flache Steine in der Nähe. „Können wir dort warten?“
„Natürlich.“
„Danke.“
Kaum hatten sie die Steingruppe erreicht, stemmte Melanie die Hände in die Hüften und funkelte Pollux an.
„Was sollte das? Wieso hast du deine Meinung geändert?“
Der kleine Nachtmahr war einen Moment sprachlos, dann flüsterte er: „Mir ist klar geworden, dass mein Wunsch selbstsüchtig ist.“
„Dummkopf!“ Nach einigen Atemzügen beruhigte sich Melanie und fuhr fort: „Du siehst es völlig falsch. Mein Anliegen ist selbstsüchtig. Ich bin hier, weil ich etwas von Gott will. Du dagegen möchtest ihn nur kennenlernen.“
Pollux blickte zurück, um den Lichtstrahl zu betrachten.
„Ich glaube, ich bin noch nicht so weit. Lirena hat uns so viel über Gott und die verschiedenen Welten erzählt. Ich möchte mehr erfahren, bevor ich ihm begegne.“
„Also hast du deinen Traum nicht aufgegeben?“
Pollux schüttelte den Kopf, und Melanie atmete erleichtert aus. Schweigend warteten sie ab, bis aus dem Lichtstrahl ein Engel trat und sie zu sich winkte.
„Seid gegrüßt, mein Name ist Sariel“, stellte sich der Engel vor. „Wir haben herausgefunden, wo sich dein Bruder befindet, Melanie. Für uns ist es schwer dort einzudringen, aber Pollux könnte den Ort betreten, ohne Verdacht zu schöpfen.“
„Wird Tim etwa gefangen gehalten? Geht es ihm gut oder ist er verletzt?“
Ehe der Engel antworten konnte, sagte Pollux: „Ich helfe Melanie gerne, wenn ich kann.“
„Langsam, ihr beiden. Tim dient dem Dämonen Rakbar in dessen Festung, denn er hat mit ihm einen Pakt geschlossen.“
„Mein Bruder würde so etwas nie tun!“
„Erinnerst du dich an den schweren Unfall vor einem Jahr? Die Ärzte wussten nicht, ob du überleben würdest. Da sich einer seiner Schulfreunde mit Schwarzer Magie beschäftigt, ließ sich Tim die Anleitung für ein Ritual geben. Rakbar erschien, und dein Bruder bot für dein Leben seine Seele an.“
Melanie wurde bleich.
„Können wir ihn noch retten?“
„Ja, wenn Rakbar auf Tims Seele verzichtet.“
Das Mädchen stöhnte auf: „Das klingt schwer.“
„Normalerweise bewahren Dämonen Seelen in Gefäßen auf, aber bei Tim konnte Rakbar das nicht machen. Er hat euch damals miteinander verbunden, damit Tims Lebenskraft euch beide versorgt. Das ist auch der Grund, warum du in die Unterwelt gezogen wurdest. Momentan hat Rakbar Tim befohlen, die Seelen zu bewachen, die er gefangenhält.“
„Warum sollte Rakbar mich in seine Festung lassen?“, fragte Pollux.
„Er ist der einzige Erzdämon, der keinen Nachtmahr reitet, und darum wird er dich mit offenen Armen empfangen. Bevor du dich entschließt, Tim zu retten, muss ich dich noch unter vier Augen sprechen. Du sollst wissen, worauf du dich einlässt.“
Der kleine Nachtmahr wandte sich an Melanie und versprach: „Keine Sorge, ich ändere meine Meinung nicht.“
Dann folgte er dem Engel zur Steingruppe.
„Obwohl Rakbar dir viel erlauben wird, wird er natürlich nicht einfach Tims Seele freigeben. Gott hat jedoch vorausgesagt, dass der Erzdämon Tim fortschicken wird, wenn alle Seelen die Freiheit erlangen.“
Sariel öffnete seine Hand, und Pollux erblickte einen kleinen, runden Kristall, in dessen Inneren ein Licht glomm.
„Hiermit kannst du die Seelen befreien. Du musst diesen Stein in deinen Körper verbergen, sonst wird Rakbar ihn spüren. Als Nachtmahr bist du ein Wesen der Dunkelheit, und dieser Stein enthält so viel Licht, dass er den Bann des Erzdämons aufheben kann. Wir wissen nicht, was geschehen wird, wenn du ihn aktivierst. Vielleicht wirst du dabei dein Leben verlieren. Willst du immer noch Tim retten?“
Pollux dachte daran, wie viel Leid die Nachtmahre den Menschen gebracht haben.
„Ja.“
Der Engel berührte mit dem Kristall Polluxs Brust, und im nächsten Moment verschwand der Stein darin. Ungläubig starrte Pollux auf die leere Hand des Engels, dann tänzelte er auf der Stelle. Er hätte gedacht, dass der Stein ihn piksen oder drücken würde, aber er fühlte keine Veränderung.
„Ist er wirklich in mir?“
„Ja, er befindet sich in deiner Lunge. Bevor du den Stein aktivierst, musst du ins Gebäude gelangen, in dem Rakbar die Seelen aufbewahrt. Aktiviere den Stein dann mit deinem inneren Feuer.“
Pollux nickte, und der Engel winkte Melanie heran. Ihr Gesicht wirkte angespannt, und der kleine Nachtmahr sprach: „Ich werde deinen Bruder ganz sicher befreien.“
Das Mädchen stemmte die Hände in die Hüften.
„Wie kommst du darauf, dass ich dich alleine gehen lasse?“
Pollux sah Sariel Hilfe suchend an, aber dieser lächelte nur traurig.
„Wir dürfen in die Entscheidungen der Menschen nicht eingreifen, auch wenn sie gefährlich sind.“
„Also gut“, seufzte Pollux. „Dann müssen wir uns nur noch auf den Weg machen.“
Der Engel lächelte.
„Rakbar hat vor einigen Jahrhunderten versucht, den Zugang zum Himmel zu erobern. Dazu wollte er einen magischen Steinkreis nutzen, der in einer Höhle unter uns liegt. Wenn wir seine Magie wieder zum Leben erwecken, gelangt ihr schnell in den Sumpf. Die Reise zur Rakbars Festung dauert dann nur noch einen halben Tag.“
Der Engel schob einen der großen Steine fort und die beiden Kinder erblickten eine Treppe.
„Ich werde vorausgehen“, sagte Sariel und übernahm die Führung. Da seine Flügel zu leuchten begannen, konnte auch Melanie sehen, wohin sie trat. Die Treppe wand sich spiralenartig in die Tiefe. Als sie den Boden erreichten, erblickten sie einen Kreis aus zwölf großen Kristallen. Jeder der Steine schimmerte in einer anderen Farbe und war etwa so groß wie Melanie. In der Mitte des Steinkreises erhob sich ein Tor. Es bestand lediglich aus drei ungeschliffenen Kristallbrocken, dennoch besaß es eine erhabene Schönheit. Der Engel berührte einen der Kristalle und alle begannen zu leuchten. Zuvor hatte das Tor die andere Seite der Höhle gezeigt, nun erkannte Pollux eine Sumpflandschaft.
„Viel Glück“, wünschte Sariel und die beiden Kinder traten durch das Tor. Nachdem Pollux sich umgesehen hatte, fragte er Melanie: „Hast du keine Angst?“
„Ein bisschen schon, aber Rakbar scheint nicht der intelligenteste zu sein, sonst hätte er den Steinkreis auf dieser Seite zerstört.“
Der kleine Nachtmahr warf einen Blick auf die Kristalle. Sie waren von einer dunkelroten Schicht überzogen und wiesen unzählige Risse auf.
„Vielleicht denkt er, die Kristalle wären tot.“
Melanie schüttelte sich.
„Gehen wir. Der Anblick macht mich traurig.“
Sie folgten den befestigten Weg, bis er an einem morastigen Ufer endete. Auf einer scheinbar unerreichbaren Insel erhob sich eine Festung. Sie wirkte heruntergekommen und die Mauern waren mit Moosflechten überwuchert. Am Ufer standen zwei Wachen, die sich zum Verwechseln ähnlich sahen. Beide waren groß und muskelbepackt. Dunkelgrüne Flecken übersäten die hellgrüne Haut und über einem einzigen Auge ragte ein gebogenes Horn aus der Stirn.
„Was wollt ihr?“, verlangten die Wachen zu wissen.
„Ich möchte Rakbar dienen und habe ihm zum Geschenk dieses Mädchen mitgebracht, das ich in den Ebenen gefunden habe.“
„Ein Nachtmahr, der unseren Herrn dienen will?“, fragte der eine Wächter verdutzt. „Weißt du überhaupt, dass er stinkt wie – Autsch!“
Der Wächter rieb sich den Kopf, denn der andere hatte ihn mit seiner Keule geschlagen.
„Unser Herr wird hoch erfreut sein, dass endlich ein Nachtmahr seine Größe erkannt hat. Wir werden sofort die Brücke für dich heben.“
Langsam hob sich aus dem Sumpf eine Brücke und die Wachen begleiteten Pollux und Melanie hinüber. Als sie das Tor erreichten, öffnete es sich knarrend vor ihnen. Sie traten in den Hof und erblickten in dessen Mitte ein rundes Gebäude ohne Fenster.
„Was ist das?“, fragte Pollux, als sie daran vorübergingen.
„Der Stolz unseres Herrn: sein Seelenturm.“
„Das soll ein Turm sein?“
„Ja, statt in den Himmel ragt er in die Erde.“
Sie stiegen einige Stufen hinauf und traten in eine schwach erhellte Halle. Das Echo ihre Schritte hallte von den Wänden wider, während Pollux erschauderte. Ein widerlicher Gestank raubte ihm fast den Atem. Kein Wunder, dass Rakbar bis lang keinen eigenen Nachtmahr hatte. Am Ende des Raumes saß auf einem gewaltigen Thron ein blassgelber Dämon von der Größe eines normalen Menschens.
„Meister, dieser Nachtmahr möchte Euch dienen und bringt als Gabe ein Menschenkind mit.“
„Du bist noch so klein“, stellte Rakbar enttäuscht fest.
„Ich werde wachsen.“
Rakbar überwand seine Enttäuschung.
„Ich kann es kaum erwarten, auf dir zum nächsten Dämonentreffen zu reiten.“ Zu den Wachen sagte er: „Mein Nachtmahr soll sich hier wohlfühlen und darf sich frei bewegen.“
„Natürlich, Meister, wir werden es allen ausrichten.“
Rakbars Augen richteten sich auf Melanie.
„Und du, Mädchen, wie bist du in die Unterwelt gekommen? Ich spüre nicht, dass du mit einem Dämon einen Pakt geschlossen hast.“
„Ich habe keine Ahnung, wie ich hierher gekommen bin.“
„Gibt es etwas, für das du mir deine Seele geben würdest? Willst du Schmuck oder möchtest du vielleicht deinen Lieblingsstar treffen?“
„Nein.“
„Überlege es dir gut. Ich kann dir jeden Wunsch erfüllen.“
Melanie schüttelte den Kopf.
„Na schön, dann wird es von nun an deine Aufgabe sein, dich um meinen Nachtmahr zu kümmern, wenn du etwas zu essen und zu trinken haben willst.“
„Damit kann ich leben.“
„Wachen, zeigt den beiden ihre neue Unterkunft und helft dem Mädchen sie herzurichten. Endlich bekommt der Stall, den ich vor Hunderten von Jahren bauen ließ, einen Bewohner.“
Die Wachen verneigten sich und baten Pollux und Melanie, ihnen zu folgen. Der kleine Nachtmahr war erleichtert, als er sah, dass der Stall ein längliches Gebäude ohne Tür war. Er hatte schon befürchtet, dass man ihn in einen kleinen Raum einsperren würde.
„Das ist eher eine Reithalle als ein Stall“, murmelte Melanie.
„Ja, Nachtmahre benötigen viel Platz. Hier, nimm den Schrubber und beginn den Boden blitzblank zu scheuern. Wir schauen nach, ob die Lavapumpe noch funktioniert.“
Die beiden Dämonen reinigten den Steintrog und testen dann die Pumpe. Quietschend sog die Pumpe Lava nach oben und die glühende Masse fiel blubbernd in den Trog. In der Zwischenzeit hatte Melanie begonnen, den Boden zu schrubben. Sie atmete schwer und Schweiß lief ihr über das Gesicht. Nach dem Putzen würde sie sicher tagelang erschöpft sein.
„Hört mal“, sagte Pollux. „Mir ist all der Staub lieber als der Geruch des Sumpfwassers. Lasst alles so, wie es ist.“
Die Wachen wechselten einen Blick.
„Wie du willst, dann kehren wir jetzt auf unsere Posten zurück.“
Nachdem sie gegangen waren, seufzte Melanie und stellte den Schrubber an die Wand.
„Das lief doch gut“, meinte sie. „Mein Bruder müsste den Turm bewachen, oder? Ich habe ihn nicht gesehen.“
„Vielleicht war er gerade woanders.“
„Gehen wir noch einmal hin.“
Der kleine Nachtmahr rührte sich nicht.
„Was ist los, Pollux?“
„Ich weiß nicht, ob das eine so gute Idee ist. Tim wird überrascht und erschrocken sein, dich hier zu sehen. Dadurch könnte er die anderen Dämonen misstrauisch machen.“
„Tim hat seine Gefühle immer gut in Griff, außerdem wäre es verdächtiger, wenn du allein zum Turm gehst und wenig später mit mir.“
Pollux merkte, dass Melanie ihre Meinung nicht ändern würde, und sie gingen zum Turm. Neben der Tür lehnte ein Jugendlicher. Als er Melanie sah, riss er die Augen auf. Im nächsten Moment aber presste er die Lippen fest zusammen und sagte kein Wort.
„Hallo,“ sprach Pollux, „ich möchte mir den Seelenturm gerne anschauen. Kannst du die Tür öffnen?“
„Rakbar hat mir einen Schlüssel gegeben und da er befohlen hat, dass du dich frei bewegen kannst, kann ich dich hineinlassen. Deine Begleiterin muss aber hier warten.“
Pollux nickte, und Tim schloss die Tür auf.
„Die Seelengefäße sind zwar unzerbrechlich, trotzdem solltest du vorsichtig sein. Es wäre dumm, wenn du Rakbars Wohlwollen gleich am ersten Tag verlierst.“
Der kleine Nachtmahr betrat den Seelenturm und erschauderte. Eine Wendeltreppe führte in die Tiefe und neben jeder Stufe befand eine Wandnische. In diesen standen Urnen und Pollux konnte sich noch nicht einmal vorstellen, wie viele arme Seelen hier gefangen gehalten wurden. In seinem Inneren fühlte er auf einmal den Kristall. Es schien, dass das Leid der Seelen ihn erwachen ließ. Pollux eilte die Stufen hinunter und blieb dann abrupt stehen. Wenn er den Kristall spürte, konnte das Rakbar bestimmt auch. Er musste ihn nun aktivieren und konnte nur hoffen, dass dennoch alle Seelen befreit wurden. So schürte der kleine Nachtmahr sein inneres Feuer. Die Hülle des Kristalls schmolz und Licht explodierte in ihm. Die Urnen zerbarsten und die Wände des Turmes erbebten. Er musste hier heraus, wenn er nicht erschlagen werden wollte. Keuchend galoppierte Pollux die Treppe hinauf und warf sich durch das Tor. Sein Inneres fühlte sich versengt an und jeder Atemzug schmerzte. Würde er sterben?
Melanie und Tim knieten an seiner Seite, während das Gebäude zusammenfiel. Rakbar und seine Wachen kamen angestürmt.
„Was ist hier geschehen?“, brüllte Rakbar. „Meine kostbare Sammlung …“
Der Erzdämon wandte sich an Tim.
„Was hast du getan? Du bist ein Nichtsnutz! Verschwinde! Es würde mir Unglück bringen, wenn du die erste Seele meiner neuen Sammlung wärst.“
Ein sanftes Leuchten umgab Pollux und der Nachtmahr hörte die Stimme Sariels.
„Da du selbst den Pakt gelöst hast, werden wir den Jungen und die beiden, über die du sowieso keine Macht hast, zu uns holen.“
Das Leuchten verstärkte sich, und die Festung verschwand. Benommen erkannte Pollux die farbigen Kristalle des magischen Steinkreises um sich.
„Pollux, was ist mit dir?“, fragte Melanie.
„Geh zur Seite, Mädchen. Für ein Geschöpf der Finsternis ist es unbeschreiblich schmerzhaft, Licht in sich zu tragen.“
Eine Hand legte sich auf seine Stirn und stillte den Schmerz. Das Licht, das in Pollux zurückgeblieben war, beruhigte sich.
„Wie konntet ihr das von ihm verlangen?“
„Pst, verdunkle seine Geburt nicht mit Zorn.“
„Geburt? Siehst du nicht, dass er stirbt!“
Polluxs Blick klärte sich, und er bemerkte, wie sich Melanies tränenüberzogenes Gesicht veränderte. Ungläubig starrte sie ihn an.
„Pollux?“, flüsterte sie. „Dein Fell ist schneeweiß und deine Augen sind hellblau geworden.“
„Er ist kein Nachtmahr mehr“, bestätigte der Engel.
„Was bin ich dann?“
„Das wird die Zeit zeigen.“ Sariel wandte sich an Tim und Melanie. „Ihr beide müsst nun in eure Welt zurückkehren. Wir haben den Engel der Zeit gebeten, dafür zu sorgen, dass ihr wenige Augenblicke nach eurem Verschwinden wieder erscheint. Ihr müsst also nicht erklären, wo ihr gewesen seid.“
Melanie sah Pollux an.
„Was wirst du tun?“
„Ich weiß nicht.“
„Warum kommst du nicht erst einmal mit mir?“, fragte eine weibliche Stimme, und die Kinder hoben den Blick. Auf dem Tor saß die Rashin und lächelte. „Es gibt nicht nur Unterwelt, Erde und Himmel.“
Pollux sprang auf.
„Lirena! Ist alles in Ordnung?“
Sie schloss die Augen.
„Gott hat mir vergeben, aber da ich mir selbst nicht vergeben kann, trug er mir auf, verirrte Seelen zu finden. Als Erstes soll ich in die Welt der Elfen gehen.“
„Was sind Elfen für Wesen?“
Die Rashin lachte.
„Elfen sind wie ewige Kinder und sammeln manchmal verirrte Seelen, weil sie sie schön finden.“
„Darf ich wirklich mit dir kommen?“
„Natürlich.“
Melanie atmete erleichtert aus und umarmte Pollux.
„Wenn sie bei dir ist, brauche ich mir keine Sorgen zu machen. Gib deinen Traum nicht auf und versprich mir, dass du mich besuchen kommst.“
Nachdem der kleine Nachtmahr ihr sein Wort gegeben hatte, gingen Melanie und Tim durch das Tor. Die Rashin flatterte zu Pollux herab. Als das Tor einen Wald zeigte, sagte sie: „Gehen wir.“
Lirena und Pollux traten durch das Tor und ließen sich von ihm in die Welt der Elfen bringen.

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